Wenn also in My Brother Tom wieder ein Mädchen und ein Junge sich an die Hände fassen und in den Wald ziehen, müssen sie sich durch einen riesigen Forst mythologischer Bedeutsamkeiten schlagen. Vielleicht beginnt ihre Geschichte deswegen mit einem Feuer und mit Toms Sprung von einem brennenden Baum. Wie eine symbolische Brandrodung, bevor das Paar den Ort mit eigenen Geheimnissen bevölkern kann. Sein morbides Reich soll es schließlich werden, ein Grenzübergang zwischen Wahrnehmung und Einbildung, Zärtlichkeit und Gewalt.

So geht es in diesem großartigen, zugleich archaischen und unerhört modernen Film um die schlimmste Verletzung, die man einem Halbwüchsigen zufügen kann, und um die Strategien, damit weiterzuleben. Vor dem, was ihnen angetan wurde, flüchten sich die beiden absonderlichen Teenager in einen kreatürlichen Bereich, der wie durch eine unüberwindbare Schneise von ihren unbeschwerten, plappernden, Techno-Partys feiernden Altersgenossen getrennt scheint. Das private Universum wird ihnen zur tröstlichen und manchmal ruppigen Opposition gegen eine Wirklichkeit, von der es keine Erlösung gibt.

Tom (Ben Whishaw) hat sich im wirklichen Leben in die Stummheit geflüchtet. Ein 17-jähriger Sonderling mit abstehenden Ohren, melancholisch umschatteten Augen und einer manischen Begabung für Hingabe und Opfer. Die anderen nennen den Stillen Lemming, hänseln und hetzen ihn, damit er sich in Abgründe oder wenigstens von einem Ast stürzt wie seine depressiven Artgenossen. Nur die gleichaltrige Jessica (Jenna Harrison) erwidert seinen Blick, lässt sich ausgiebig umwerben und biegt eines Tages vom Schulweg ab, um Tom in den Wald zu folgen. Das freigeistige Bürgertum ihrer Eltern, in dem es nichts Schlimmeres zu geben scheint, als nach einem Gilbert-O'Sullivan-Song die Repeat-Taste zu drücken, ist ihr schon lange suspekt. Ein Liberalismus, der alles wissen will, alles versteht und alles Widerständige in intellektueller Großzügigkeit absorbiert. Jessica hat längst die innere Emigration gewählt. Ein bewährtes Exil, aber kein Katastrophenschutz. Als ihr Lehrer, ein langjähriger Freund der Familie, ihren halbherzigen Kuss ausnutzt, um sich über sie herzumachen, lässt sich dieser Schmerz nicht nach innen stülpen.

Im Dickicht der Ängste

Auch die Kirche, die sonst immer für eine Verzauberung gut war, hilft Jessica nicht. Und so verzichtet sie diesmal auf den Tauschhandel zwischen Beichte und Absolution und bläst die Kerze, die sie auf Empfehlung des Pfarrers der Mutter Maria stiftet, gleich wieder aus. Jessica wählt ihr eigenes Martyrium. Eines, bei dem ihr scheinbar die eigene Haut zu eng wird. Sie muss sie weiten, sie öffnen, sich verletzen und verstecken. Sie muss in den Wald.

Toms Passionsweg ist so lang wie sein Leben. "Du musst an das Blut denken, dass deine Mutter bei deiner Geburt verloren hat", sagt sein Vater und bearbeitet den mageren Körper des Sohnes mit einem Schwamm, als sei der ein Haufen Dreck, aus dem erst noch ein Mann werden muss. Für die Ungeheuerlichkeit des Geschlechts gibt es in seinem von Zwang und Verklemmtheit dezimierten Wortschatz nur ein albernes "Dideldum". Der Rest des Körpers ist ihm "reine Biologie", sein Missbrauch "reine Familiensache".

Doch in My Brother Tom geht es nicht um einen provozierenden Blick hinter die Schrankwand oder das Designermöbel, wo sich das Schäbige der Existenz verborgen hält. Die skandalösen Taten werden hier nicht durch einen Kameravoyeurismus in die Perversion gedrängt, sondern vor allem durch die Gleichgültigkeit ihrer Täter. "Ich hätte ihn gern zum Freund gehabt. Doch dann wurde er ich und ich er", erinnert sich Jessica aus dem Off und erklärt damit alles Kommende zu der Geschichte einer panischen Verwandlung. Deswegen bleibt der Film von Beginn an auch ganz bei diesem Paar und seinen unglaublichen Darstellern. Bei ihrer Liebe, die bald eine unlösbare Aufgabe ist. Zu wüst, zu groß, zu viel, sodass es kein anderes Ventil geben kann als den Verrat.