Saratow, Bezirksgericht. Seit einem Monat wird hier dem Schriftsteller und Parteiführer Eduard Limonow der Prozess gemacht. Die Tragödie der zaristischen und sowjetischen Schriftstellerprozesse wiederholt sich als Farce. Das Drehbuch: schlecht geschrieben. Die Rollen: verschwommen. Die Akteure: kippen vom Pathos in die Ironie in die Camouflage. Der Hauptdarsteller: Rambo in fünf Kriegen, Frauenheld, seit 1994 Führer der rot-braunen NBP, der Nationalbolschewistischen Partei. Sie will wieder kollektives Eigentum und ein eurasisches Großreich von Wladiwostok bis Gibraltar. Limonows autobiografische Romane beschreiben seinen Weg vom unbewussten anarchistischen Protest gegen das Establishment zum bewussten bewaffneten Kampf für das Glück des Volkes. Opfer- und Heldenträume eines ewig gekränkten Kindes, dessen Vater ein kleiner Geheimdienstoffizier in der Provinz war, münden in russische Weltmachts- und Erlösungsfantasien. Unter Jelzin hat man sie belächelt und geduldet. Das Putin-Regime liest sie als Szenarien eines realen Krieges.

"Alles Lüge, Hirngespinste des Geheimdienstes!", ruft Limonows Verteidiger Sergej Beljak. Unterm Hemdsärmel des Staranwalts schimmern Tätowierungen, in seiner Heimatstadt Moskau kursiert eine CD mit seinen erotischen Fantasien. Drei der vier Anklagepunkte, Aufrufe zum Umsturz der Staatsmacht, Vorbereitung von Terrorakten und die Gründung einer Armee, fegt er weg wie eine Schöne lästige Verehrer. Literarische Texte, diese windigen Beweise, würden von den Geheimdienstlern zum Parteipogramm stilisiert. Im Visier der Fahnder steht die "Theorie des Zweiten Russlands". Sie träumt von einer Revolution, von einem patriotischen Partisanenkrieg in der ehemaligen Sowjetrepublik Kasachstan, der dort die russische Minderheit befreit. Später werde, so durchwebt Hoffnung die letzten Zeilen, der aufrührerische Geist des Russland Nummer zwei auch das verfaulte Beamtenregime im Russland Nummer eins hinwegfegen. Der Text wurde von Limonow auf Parteikongressen zitiert und im NBP-Bulletin gedruckt.

Der Staatsanwalt trägt Sonnenbrille und wedelt mit rostigen Flinten

"Reine Literatur!", ruft der Schriftsteller im Käfig und wirft sich gegen die Gitterstäbe. "Für sie gilt die Freiheit des Wortes!" Ein graues Don-Quichotte-Bärtchen und die riesige Billigbrille verpassen Limonow den Altmännercharme eines Dissidenten der siebziger Jahre. Vor seiner Verhaftung hatte er als spätpunkiger Diktatoren-Klon in enger Lederkluft "Stalin! Berija! Gulag!" skandiert, in Saratow, nach 17 Monaten Untersuchungshaft, gibt er den ersten Märtyrer des demokratischen Regimes: "Russland ist wieder absolutistisch, Andersdenkende werden verfolgt. Dieser Prozess ist ein politischer!"

"Einspruch", erwidert der sonnenbebrillte Moskauer Staatsanwalt, der schon den Tschetschenenführer Radujew hinter Gitter brachte. "Die Grenze vom Wort zur Tat ist längst überschritten." Hat Limonow, wie die 150 Seiten dicke Anklageschrift behauptet, also von einem "Partisanenstützpunkt" in der Republik Altaj zur Eroberung Kasachstans gerüstet? Zum Beweis schwenkt die Anklage ihre einzige Trophäe: sechs rostige Maschinengewehre, die Limonows Genossen in Saratow erwarben, angeblich auf Geheiß ihres Führers. "Fälschungen, Widersprüche, Ungereimtheiten!", ruft Sergej Beljak. Zeugen der Verteidigung seien bedroht oder eingelocht, Dokumente vordatiert, Tonbänder manipuliert worden. Die Verkäufer der Gewehre, Parteigänger der faschistischen Rechtsnationalen Einheit, entkamen. Der Handel, auf Video gebannt, erfolgte unweit des Gebäudes des Geheimdienstes FSB. Wenig später warf ein gewaltiges Kommando der Moskauer FSB-Zentrale Limonow mit seinen Parteigenossen im Altaj-Gebirge telegen in den Schnee. Der Film über die Verhaftung lief gleich in der TV-Serie Kriminal. Dass sich in Limonows Feriendomizil nur Wollmützen, alte Hosen und Manuskripte fanden, blieb unerwähnt. Die Verhandlung wird vertagt.

Ortswechsel. Moskau, 2. Frunzenskaja, die Zentrale der Nationalbolschewiki, zugleich auch Redaktion der Parteizeitung Limonka im Kellergeschoss eines neunstöckigen Wohnhauses. Die Stufen zum "Bunker" sind uneben, glitschig, Limonow hat sie selbst gelegt. Was nützt dem Geheimdienst der Wirbel um einen masochistischen Selbstdarsteller, dessen Rollen und Masken, Polaroids demonstrativen Andersseins, auch so Legende sind: apolitischer Provinzpoet, der in Breschnews Moskau für die Boheme Hosen näht, Paria-Emigrant in den Siebzigern im kapitalistischen Schlund von Manhattan, Salondichter der Pariser Bourgeoisie in den Achtzigern, Karadzic-Freund Anfang der Neunziger, Stalin-Apologet und Shirinowskij-Kumpan im liberalen Jelzin-Russland, Weggänger des Islam und Polygamist im orthodox-kleinbürgerlichen Russland Putins. Immerhin, seine letzte Rolle - der Dissident im Käfig - hat ihm und seiner Partei Aufwind beschert.

Der "Bunker", ein 350 Quadratmeter großes Kellerlabyrinth, dampft von Punks, Studenten, Girlies. Offene Gesichter, Lachen. "Wir sind Menschen der Ideen", sagt einer mit pechschwarzem Haarmopp, "bei uns haben alle Platz: Anarchisten, Faschisten, Skinheads. Wir suchen, was vereint." Für eine "Antikapitalismus-Demo" sind sie oft tagelang angereist. Rote Armbänder werden mit dem Parteiabzeichen - Hammer und Sichel auf weißem Kreis - verziert, Spruchbänder "Putin tritt ab" gepinselt. Noch ahnt die bunte Truppe nicht, dass sie nach der Demo von Omon-Einheiten blutig zusammengeschlagen werden wird. Ein Regal stellt Limonows neue Bücher aus; sieben hat er in der Haft geschrieben, zwei sind bereits erschienen. Die verbotene Zeitung Limonka pflastert Tische und Wände, sie wird jetzt mit altem Logo unter dem neuen Titel Generallinie erscheinen. In den "Aprilthesen" der Nummer 166 feiert Limonow, kurz vor seiner Verhaftung, die revolutionäre Tat von Lenin, Mussolini, Hitler bis zum Kaufhausbrand der RAF, auf der Titelseite der Nummer 203 bringt ein NBP-Aktivist unter den ermunternden Blicken Lenins und Stalins einem kleinen Jungen das Schießen bei.