Nichts hören wir in diesen Tagen häufiger als die tröstende Versicherung, die Welt, die uns in Angst und Schrecken versetzt, gleiche den Katastrophenfantasien eines Hollywoodfilms. Schon nach dem Massenmord vom 11. September beruhigten Medienphilosophen die panische Öffentlichkeit mit der Bemerkung, die Realität folge den Spuren der Kunst, denn der Film Independence Day habe das Inferno vorweggenommen, nur schlimmer. Auch der Serienkiller von Washington, der in dem Moment auftauchte, als Amerika zum Krieg rüstete, ist ein beliebtes Objekt feuilletonistischer Komparatistik. Der Heckenschütze, mutmaßt die SZ, sei ein Wiedergänger von Sniper Scorpio aus dem Film Dirty Harry.

Und das Massaker auf der Ferieninsel Bali? Gehen nicht auch hier Realität und Fiktion eine grausame Verbindung ein? Endet Michel Houellebecqs Roman Plattform nicht ebenfalls mit einem Blutbad, das islamistische Mörder in asiatischen Ferienclubs anrichten? Bei Houellebecq ist es die Vulgarität des Lifestyle-Kapitalismus, der das Böse auf sich zieht - jenen islamistischen Terror, der die ganze Welt mit dem Virus der Unruhe infiziert, auf dass sie ihres Daseins nicht mehr froh werde.

Die Selbstverständlichkeit, mit der wir Kunst und Realität kurzschließen, ist kaum etwas anderes als ein Abwehrzauber zur Austreibung der Angst. Wir benutzen die Videoclips vom Einsturz des WTC als visuelle Polster, um uns das Trauma vom Leib zu halten. Wir spinnen einen Kokon aus Bildern. Wir missbrauchen die Literatur als Handorakel zur Selbstberuhigung. Wir glauben immer noch an die dümmste aller Fabeln, wonach die Realität eine Erfindung der Medien sei - und deshalb eine Simulation.

Dieser Aberglaube macht blind. Der ästhetische Horror liefert nicht das Drehbuch, nach dem sich die Realität in Szene setzt. Medienphilosophen, die behaupten, die Realität folge der künstlerischen Fiktion wie ein Schatten, wollen sich nicht eingestehen, wie sehr ihnen die Wirklichkeit, deren Realität sie leugnen, die Sprache verschlagen hat. Sie reden über mediale Effekte, um über Politik zu schweigen. Dabei sind die großen Apokalyptiker des Kinos und der Literatur politischer, als Medienphilosophen es je wahrhaben werden. Ihre Fiktionen folgen nämlich der Realität und nicht umgekehrt. Die Apokalyptiker ahnen, dass sich die Welt nicht mehr einteilen lässt in Moderne und Vormoderne, in den Westen und die Wildnis. Sie beschreiben, wie das Außen nach innen wandert und die Peripherie ins Zentrum. Ob Djerba oder Bali: Die Ungewissheit kommt nicht von außen, sondern aus dem Innen der Weltgesellschaft. In der einen Welt gibt es keine Sicherheit, nur Nuancen der Unsicherheit. Jeden kann es treffen, und von daher rührt der Schrecken vor dem Serienmörder. Weil wir wissen, dass es keinen Schutz gibt, greifen wir zu den schützenden Bildern, zu den Archetypen des Kinos und den Mythen der Literatur. Vergeblich. In der ästhetischen Fiktion steckt schon das Trauma, dem wir entkommen wollen.