Dürfen, was sonst niemand darf. Die Schuhe ausziehen und die Hosen, im Sportlerleibchen aufs edle Parkett. Sich strecken, dehnen, krümmen, dann singen, schwitzen, schlafen. Aus der Kunst- eine Turnhalle machen, diesen Ort des Unantastbaren betasten, einige Stunden lang zumindest. Fast 40 Besucher sind an diesem Samstag gekommen, um intim zu werden mit der Kunst. Sie haben Eintritt gezahlt, das stolze Treppenhaus durchmessen, sich dann umgezogen und liegen nun bäuchlings vor den Bildern, machen Kopfstand, zeigen Nacktfuß vor Goldrahmen.

Fast meint man, hier werde im Angesicht der freien Kunst die Freizügigkeit des Betrachters eingeübt. Doch die Enthemmung erfolgt unter strenger Kontrolle, die gelenkigen Körper hören auf das Dirigat von Benita und Immanuel Grosser, zwei Yogameistern, die als Künstler auftreten und in Hamburgs Kunsthalle bis zum 3. November für ganz neue Ein- und Untersichten sorgen. Sie sind angetreten, die üblichen Museumsrituale zu durchkreuzen: Schluss soll sein mit dem Abschreiten der Säle, vier Sekunden für das Schildchen, zwei Sekunden fürs Gemälde, dann rasch zum nächsten Augenkitzel. Die Grossers suchen in der Bilder- die Seelensammlung, wollen aus der Kunstbetrachtung eine Kunsterfahrung mit Körpereinsatz machen. Aus Galerieräumen werden Yoga-Ashrams: um das Vernügen an der Versenkung neu zu entdecken und das Museum wieder in einen Ort der Kontemplation zu verwandeln.

So sagen es die Grossers. Und sind mit ihrer Aktion sehr erfolgreich: Hamburg ist bereits die 15. Station dieser Mission für neue Kunsttiefe, in vielen anerkannten Ausstellungshallen haben sie ihre Yogamatten bereits ausrollen dürfen, im New Yorker Dia Center oder in den Kunstsammlungen Nordrheinwestfalen; stets war der Andrang groß. Offenbar sind zahlreiche Menschen mit der herkömmlichen Kunst, die hängt und steht, nicht zufrieden. Vor allem die Installationen, Konzepte, Aktionismen der Gegenwart wirken auf viele spröde, verkopft, unzugänglich. Den ausgekühlten Seelen, den Sinnsuchern, allen, die sich nach einer neuen Spiritualität sehnen, haben die meisten Künstler nichts zu bieten. Sie wollen kritisieren, irritieren, wollen aufrütteln und haben für Sinnenschmeichelei kein Verständnis.

Flüchten in den schönen Schmelz

Dabei war es über Jahrhunderte selbstverständlich, dass die Kunst auch beruhigen, dämpfen und den Betrachter erbauen durfte. War sie nicht Objekt der Anbetung, dann doch der Verehrung, sie konnte Fluchthelfer und Religionsersatz sein, ihr Schmelz und ihre Schönheit erzählten von einer besseren, geheilten Welt. Heute sind solche Besänftigungen die Ausnahme, doch gibt es sie durchaus. Gerade in jüngster Zeit haben die Grossers viele Gleichgesinnte bekommen.

Auch sie behandeln das Museum wie ein Therapiezentrum und versuchen mit Wellness-Kunst den ganzen Menschen zu ergreifen. Nicht alle diese Neuheiler geben sich so treugläubig wie die Yoga-Künstler, viele suchen eher spielerisch nach neuen Wegen zu Wohlbefinden und Ganzheitlichkeit. Allen gemeinsam aber ist die Überzeugung, dass der Betrachter allein über das Auge nicht mehr zu erreichen sei. Die Kunst wird eindrücklich erst unter dem Druck kräftiger Finger, durch Duft und Wärme, überweltliche Ruhe und weiße Bademäntel. So lud auf der letzten Kunstbiennale in Berlin der Künstler Surasi Kusolwong zur Thai-Massage, und bereitwillig warteten die Besucher in langen Schlangen. "Befreien Sie Ihren Geist und Ihre Gedanken", raunte Kusolwong ihnen zu. "Vergessen Sie alles über Kunst und alles andere auch."

Dies Versprechen einer neuen Schwere- und Gedankenlosigkeit gab auch Carsten Höller, als er in Berlins Kunst-Werken einen Plastikcontainer aufbaute, darin sprudelte körperwarmes Wasser, mit Salzen gesättigt, sodass man sich treiben lassen konnte wie im Toten Meer. In Bonn richtete Marina Abramovic einen Soul Operation Room ein, mit brodelnden Kamille-Essenzen und lichttherapeutischen Apparaturen. Und in Hamburg installierte Maria Eichhorn ein Lungensanatorium, eine Aerosolkammer mit viel frischem Sauerstoff.