Man möchte Herrn Schafik den Sinn für Ästhetik nicht absprechen. Doch das Problem ist ein anderes. Hat sich jemand schon mal Gedanken über dicke Passagiere und ihre notleidenden Sitznachbarn gemacht? Es ist nicht schön, wenn man gerade seinen Platz eingenommen hat und ein weiterer Passagier mit schätzungsweise 157 Kilo auf einen zusteuert. Wenn dieser Passagier sich in die Polster des Nachbarsitzes drückt und während des gesamten Langstreckenfluges nicht mehr herauskommt. Wenn er so viel Raum einnimmt, dass man selbst im 37-Grad-Winkel zum Gang sitzt und deshalb zweimal den Trolley von der Stewardess in den Rücken gerammt bekommt. Und wenn die Maschine, zu allem Übel, auch noch ausgebucht ist.

"Die Situation ist für alle Beteiligten, Passagiere und Besatzung des Flugzeuges, nicht sehr angenehm", sagt Wolfgang Hubert, Pressesprecher von Hapag-Lloyd Flug. "Das Kabinenpersonal bittet in diesem Fall mitreisende Passagiere des übergewichtigen Passagiers, einen Crewsitz (Jumpseat) einzunehmen." Fluggäste, die durch einen dicken Sitznachbarn in ihrem Flugraumgefühl beeinträchtigt sind, können im Zweifelsfall "eine teilweise Erstattung ihres Ticketpreises erwarten". Die Airline "behält sich eine Weiterbelastung an den verursachenden übergewichtigen Passagier vor".

In Deutschland gibt es keine einheitliche Regelung für den Umgang mit dicken Menschen im Flugzeug. Bernd Hoffmann von der Lufthansa sagt: "In jedem Fall muss man auf die aktuelle Situation flexibel reagieren und das Problem mit den Kunden lösen." Condor hält für Dicke einen Verlängerungsgurt bereit. Und Dalia Ezazi von der LTU antwortet zum geschilderten Fall: "Keine Angaben möglich." In den USA hat die Fluggesellschaft Southwest - eine der erfolgreichsten US-Airlines - nun klare Vorgaben: Lässt sich der Sicherheitsgurt nicht schließen oder die Armlehne auch mit Gewalt nicht neben den Fettpolstern runterdrücken, müssen zwei Sitze bezahlt werden. "Wer mehr als einen Sitz konsumiert, dem werden wir auch mehr als einen Sitz berechnen", sagte Southwest-Sprecherin Beth Harbin dem International Herald Tribune. Hintergrund sind die Beschwerden der Southwest-Kunden: In 90 von 100 Fällen wurden schlanke Fluggäste von dicken Sitznachbarn an die Kabinenwand oder in die Sesselfalten gedrückt. Nachdem Southwest die neue Regelung bekannt gab, meldete sich prompt die US-Fett-Aktivistin Marilyn Wann zu Wort. Sie sagte: Man bucht bei einer Airline die Passage von A nach B und nicht eine Immobilie.

Mit 60 Prozent sind mehr als die Hälfte der Amerikaner zu dick. In Deutschland sind es rund 47 Prozent, teilt das Statistische Bundesamt mit, das das Übergewicht mithilfe des Body-Mass-Index bestimmt. Im Flugzeug jedoch müssen selbst Normalgewichtige oft den Wanst einziehen. Denn die Sitze sind in den Maschinen (von Armlehne innen zu Armlehne innen) zuweilen nur 43 Zentimeter breit. Und schließlich kann man Passagiere ja nicht am Check-in auf die Gepäckwaage stellen oder ihren Hüftumfang messen. Airlines halten ihr Bodenpersonal zwar an, mal einen Blick auf auffallend übergewichtige Passagiere zu werfen und ihnen vorab einen zweiten Sitzplatz zu empfehlen, letztendlich wird aber an die Eigenverantwortung der Dicken appelliert. Wolfgang Hubert von Hapag-Lloyd rät: "Wenn ein Passagier sich aufgrund seiner Körperfülle oder seines Gewichts einen zweiten Sitzplatz dazukauft, so empfiehlt sich vorab gleichzeitig eine Reservierung in einer der für Behinderte vorbehaltenen Sitzreihen, da nur in diesen die Armlehnen hochklappbar sind."