CONTRA

Uwe Wesel, 69, war von 1968 bis 2001 Professor für Rechtsgeschichte und Zivilrecht an der Freien Universität Berlin und von 1969 bis 1973 erster Vizepräsident dieser Hochschule.

Talare sind mittelalterliche Berufskleidungen, die in Deutschland seit der Studentenbewegung von 1968 ihren Sinn verloren haben. In Ländern wie Großbritannien, wo diese Tradition noch sehr stark ist, ist nichts dagegen einzuwenden. Bei uns wäre das Tragen von Talaren der Rückfall in eine Zeit, die überwunden ist - und in der die Universität sehr autoritär strukturiert war. Natürlich haben die 68er vieles auch übertrieben, und ihre Feindschaft gegen die so genannten Ordinarien war zum großen Teil auch nicht berechtigt.

Aber sie haben das Klima an der Uni im antiautoritären Sinne verbessert. Die alten Ordinarien waren, besonders wenn sie fachlich nicht gut waren, sehr autoritär. Nicht zuletzt dadurch war das Zusammengehörigkeitsgefühl gering.

Damals haben sich die Studenten noch gesiezt. Das hat sich sehr verbessert seit damals. Allerdings ist dabei eine gewisse Entsolidarisierung mit den Hochschullehrern eingetreten.

Dass es jetzt wieder Erstsemesterveranstaltungen und Abschlussfeiern gibt, finde ich deswegen völlig richtig und wichtig. Aber das in mittelalterlichen Formen zu machen, heißt nun wirklich, überflüssige Dinge ins Lächerliche zu übersteigern. Das passt einfach nicht mehr in die deutsche Landschaft und wirkt jetzt nur noch komisch. Wenn Sie die jungen Leute an unseren Universitäten mit Talaren begrüßen, verfallen Sie einer Lächerlichkeit. Und es ist auch schädlich, denn dann kommt wieder dieser repressive Charakter der alten Ordinarien mit ins Spiel, gegen den die beiden Hamburger Jurastudenten mit ihrem Spruchband "Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren" völlig zu Recht protestierten.

Ich hatte nicht den Eindruck, dass die Studenten, mit denen ich zusammen war, das brauchten. Auch in Gerichtssälen kriegen die Leute ja kein feierliches Gefühl, bloß weil sie die Richter in ihren Roben sehen. Auch die Anwälte fühlen sich unwohl, wenn sie die anlegen müssen. Die Bestrebungen der Anwaltschaft, von den Roben wegzukommen, sind sehr stark, und in Amtsgerichten und einigen anderen Gerichten brauchen sie sie auch nicht mehr.