Nach einem Ja der Iren zum Vertrag von Nizza wäre dieser in allen Mitgliedsstaaten ratifiziert. Die künftige Verteilung von Sitzen im Straßburger Parlament, die Stimmgewichtung im EU-Ministerrat und die geplante Größe der Brüsseler Kommission - alles im Vertrag schon geregelt - würden mit der Erweiterung in Kraft treten. Bis zum Jahresende könnten parallel die Beitrittsabkommen mit den zehn Kandidaten Mittel- und Osteuropas abgeschlossen werden. Der geplanten Erweiterung der Union auf 25 Mitglieder spätestens zum 1. Januar 2004 stünde nichts mehr im Wege.

Sollten die Iren am Samstag aber nein sagen, dann wird der Vertrag zur Makulatur. Damit scheitert nicht die Osterweiterung, doch ihr Zeitplan wäre nicht mehr einzuhalten. Den Kniff, alle Machtfragen - nichts anderes sind Stimm- und Sitzverteilung in Europas Institutionen - kurzerhand in die Beitrittsverträge zu transplantieren, werden sich die Iren nicht bieten lassen denn diese Verträge bedürfen nur der Ratifizierung durchs Parlament.

Eine Verfassungsklage in Irland hätte, da ist man sich dort einig, beste Erfolgschancen.

Der komplizierte Ausweg führt zu einem weiteren Gipfeltreffen der Regierungschefs, um alle offenen Fragen zu lösen. Das kann Monate, ja Jahre dauern. Und am Ende müsste ein Beschluss erneut den irischen Härtetest im Referendum bestehen.

Darum wächst in Brüssel die Neigung, die Machtfragen eines gescheiterten Vertrages in den Reformkonvent hineinzutragen. Dort müsste bis zum Frühjahr ein Vorschlag ausgetüftelt werden, über den im Sommer die Konferenz der Chefs beschließen würde. Die künftigen Mitglieder, im Konvent als Diskutanten präsent, hätten dort zumindest Einfluss. Sollten sich die Regierungschefs rasch einigen, dürfte die EU-Erweiterung mit geringer Verspätung abgeschlossen werden. Die Iren müssten anschließend nicht nur über einen Vertrag, sondern auch über eine Verfassung für Europa abstimmen. Allerdings dürften sie nicht die Einzigen sein, die dann mit Volkes Stimme eine große Entscheidung fällen.