Fast vier Wochen dauerten die Koalitionsverhandlungen und Gesundheitsministerin Ulla Schmidt bangte bis zum Schluss, ob sie dem Proporz zum Opfer fallen würde. Längst war beschlossen, dass das Ministerium um Kompetenzen aus dem ehemaligen Sozialministerium erweitert wird. Auch das Erste-Hilfe-Paket für Deutschlands Krankenkassen hatten die Koalitionspartner schon gepackt: Danach sollen die jüngst stark gestiegenen Arzneiausgaben durch Zwangsrabatte von Herstellern, Großhandel und Apothekern um 1,4 Milliarden Euro gesenkt werden. Gleichzeitig dürfen Mitglieder der gesetzlichen Krankenversicherungen erst zu privaten Kassen wechseln, wenn sie mindestens 5100 Euro (bisher 3375 Euro) im Monat verdienen. All das war entschieden, alle tippten auf Ulla Schmidt, nur die offizielle Verkündigung stand bis zum Ende der Verhandlungen in der Dienstagnacht noch aus.

Nervenkitzel für Ulla Schmidt - doch nichts gegen die Herausforderungen, die das Ministerium in den kommenden vier Jahren bereithalten wird. Denn die Ad-Hoc-Maßnahmen werden nicht lange helfen. Schon zum Jahreswechsel wollen die Kassen erneut ihre Beiträge erhöhen. Angesichts ausufernder Kosten und mäßiger Behandlungsqualität stehen grundlegende Reformen an. An Ideen mangelt es nicht. Den Kampf um Effizienzreserven in Krankenhäusern und Apotheken hat Ulla Schmidt vor der Wahl schon aufgenommen (ZEIT Nr. 42/02, Nr. 6/02). Nun sind Ärzte und Arzneiriesen dran. Längst haben Gesundheitsökonomen im Auftrag der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung ein Konzept erarbeitet, um Praxen und Pharmakonzerne besser zu kontrollieren. Jetzt nach der Wahl wird das Papier, an dem auch der Kölner Professor und Regierungsberater Karl Lauterbach mitwirkte, zum Einsatz kommen.

Die Ärztevertreter proben seit Wochen den Aufstand. Sie fürchten die schärfere Überwachung. Nicht ohne Grund. Reklamiert doch der Sachverständigenrat für das Gesundheitswesen seit geraumer Zeit Defizite vor allem bei chronischen Krankheiten. Hierzulande sterben Frauen an Brustkrebs, weil Tumore nicht rechtzeitig erkannt werden. Zuckerkranke büßen Sehkraft oder sogar Gliedmaßen ein, weil es Ärzte versäumen, bei Diabetikern routinemäßig auf Augen und Füße zu achten. Asthmatiker werden mit Erstickungsgefahr und Todesangst ins Krankenhaus eingeliefert, obwohl sich die schweren Anfälle durch korrekten Umgang mit Arzneien und Messgeräten vermeiden lassen. Bitter für die Kranken - kostspielig für die Kassen. Die chronischen Leiden verursachen in der gesetzlichen Krankenversicherung immerhin 80 Prozent der Ausgaben. "Wir zahlen einen Mercedes und bekommen einen Golf", schimpft Regierungsberater Lauterbach. Er will Ärzten für die Behandlung feste Standards vorgeben, Fortbildung zur Pflicht machen und denen, die nicht spuren, das Handwerk legen. Klippschule für Schulmediziner.

Weil Ulla Schmidt Widerstand fürchtete, versuchte sie die Politik der kleinen Schritte, wollte die schärfere Kontrolle, das so genannte Disease Management, zunächst nur bei der Behandlung von Brustkrebs und Zucker erproben. Doch das diplomatische Entgegenkommen nützte wenig. Die Halbgötter in Weiß fürchten um die Hoheit im Behandlungszimmer. Auch ihre Standesvertreter, die Funktionäre der Kassenärztlichen Vereinigungen, bangen um ihre Macht. Bisher spielen sie in der medizinischen Planwirtschaft eine wichtige Rolle: Sie verhandeln mit den Kassen und verteilen deren Honorare an die behandelnden Mediziner. Doch nach den Vorstellungen der Ebert-Experten wird sich das bald ändern. Die Kassen sollen künftig auch direkt Verträge mit den Doktoren abschließen dürfen und dabei die auswählen, die den neuen Standards gerecht werden.

Die Ärzte schadeten sich selbst

"Was verstehen Politiker schon von Medizin - nichts, die tun nur so", beschimpften einige Kassenarzt-Vereine daraufhin in großformatigen Anzeigen die Ministerin. Gleichzeitig wurden die Mitglieder zum Boykott der Brustkrebs- und Zuckerprogramme aufgerufen, solange "der dauerhafte Bestand der derzeitigen Rechtsgrundlage nicht gesichert" sei. Offensichtlich rechneten die Ärztevertreter fest mit einem Regierungswechsel. Fehlanzeige.

Bei den Koalitionsverhandlungen wurde das Recht der Kassen auf Einzelverträge nun sogar schwarz auf weiß verbrieft.