Nein, man würde sich nicht lange die Augen reiben, stünde Jimmy Carter morgen in Bagdad vor der Tür des Saddam Hussein, um dem Diktator in Tag- und Nachtgesprächen die Zugeständnisse abzupressen, die seinen Nachfolger im Weißen Haus daran hindern könnten, die B 52-Geschwader loszuschicken. Schon einmal, bei einer ausweglosen Zuspitzung der Krise zwischen Nordkorea und den Vereinigten Staaten 1994, brachte er just das zuwege: Er knetete den rote Monarchen Kim Il Sung mit einer Melange von Seelsorge und Härte, Schmeichelei und Wahrhaftigkeit für die Kompromisse weich, die notwendig waren, um Ostasien und vielleicht den Erdkreis vor einem womöglich nuklearen Konflikt zu bewahren - nicht zum ungeteilten Vergnügen des amtierenden Präsidenten. Er gönnte Bill Clinton nicht einmal die kriegerische Invasion in Haiti, sondern leitete in Port au Prince den friedlichen Machtwechsel ein.

Man begegnet Amerikas Expräsidenten - oder wenigstens seinem Namen - in den entlegensten Winkeln der Welt. In einem Heim für ehemalige Prostituierte, weit hinter dem Flughafen von Bangkok, in dem die Frauen - samt ihren Kindern - Schutz und eine Berufsausbildung finden, entdeckte ich in der Liste der Spender Jimmy Carter (mit einer Gabe von 40 000 Dollar). Doch man täusche sich nicht: Der sehnige kleine Mann aus dem Nest Plains, im Südstaat Georgia, ist keineswegs nur der Do-gooder und The bleeding heartliberal, den die bigotte Rechte der Republikaner mit ihrem unstillbaren Hass verfolgt. Er ist erst recht nicht der frömmelnd-weltferne Dorfmissionar, den die amerikanischen wie die deutschen Links- und Rechtsintellektuellen samt den kühlen Strategen der Macht vor zwei Jahrzehnten mit ihrem Spott übergossen.

Jimmy Carter ist in Wahrheit ein genau kalkulierender, weltkundiger Mann, der weit vorausdachte, als er dem Porträt Martin Luther Kings einen Ehrenplatz im Haus des Gouverneurs von Georgia zuwies, gegen den Protest seiner weißen Landsleute. Carter handelte keineswegs naiv, als er versuchte, die Amerikaner mit der traumatischen Erfahrung von Vietnam und der Demütigung durch die Regentschaft Richard Nixons auszusöhnen. Er ist als Präsident, auch durch eigenes Ungeschick, mit seinen innen- und sozialpolitischen Programmen gescheitert. Doch mit unbeirrbarer Zähigkeit handelte er in Camp David den Frieden zwischen Israel und Ägypten aus, der bis heute standhält. Er schuf mit dem Vertrag über die Rückgabe des Panamakanals eine gerechtere Basis für das Verhältnis der USA zur lateinamerikanischen Welt. Er etablierte die diplomatischen Beziehungen zu China, ohne Taiwan zu opfern. Er signierte das ehrgeizige Abrüstungsprogramm Salt II, das er freilich nach dem Einfall der Sowjets in Afghanistan auf Eis legte. Die Bilanz eines Versagers ist das nicht.

Carters Erfolge als Expräsident aber sind ohne Beispiel. Sie glückten, weil er die Arroganz der Macht stets im Zaum hielt: bescheiden, diszipliniert, selbstbewusst ohne Hoffahrt.