Wenn die Carter Family Ende der dreißiger Jahre mit My Old Clinch Mountain Home oder Longing For Old Virginia ihrer Heimat in den Appalachen Tribut zollte, war Harmonie Pflicht: Der Hörer - nichts ahnend vom hasserfüllten Zwist des nur noch im Studio vereinten Ehepaares - fand im herzzerreißenden Gesang der Carters eine Welt häuslicher Bescheidenheit und Eintracht: Mountain Music. Bis heute sucht Country-Amerika in der bergigen Heimat des Bluegrass-Sounds sein romantisiertes Gestern - und ruft damit zwangsläufig die Zyniker auf den Plan. Vor einem guten Jahrzehnt hob der texanische Banjospieler und Songwriter Danny Barnes eine Bluegrass-Combo aus der Taufe, die schon dem Band-Namen nach wenig von den "good ole boys"-Attributen hielt.

Nicht dass die Bad Livers traditionelle Stücke von Bill Monroe und Co.

verschmähten. Aber ihr Cover katapultierten die gute alte Familienbibel unter den Stehtisch der Punk-Kneipe von nebenan. Rebellion um der Rebellion willen?

Alles nur schmutzige Vorarbeit!

Schließlich tritt uns drei Alben und Dutzende von zertrümmerten Klischees später der ehemalige Frontmann der schlechten Lebern als geläuterter Sünder entgegen: Things I Done Wrong (Terminus Records 0103-2/SMIS) titelt das von Danny Barnes & Thee Old Codgers eingespielte kongeniale Spätwerk. Ein sehr persönliches Bekenntnis zu all dem Schmerz und der Schwermut, den heute bestenfalls die Außenseiter und Spielverderber des Country glaubhaft verkörpern: "And it'll make you sad and die / for the time when you did lie ..." Das Banjo pluckert im Walking Blues, die Violinen schreien wie Babys, und Barnes' näselnder Gesang presst auch den letzten Tropfen Pathos aus seinen Zeilen. Im Geiger Jon Parry und Bassisten Keith Lowe sowie in dem Gastgitarristen Bill Frisell hat der Texaner offensichtlich Seelenverwandte gefunden, versierte Jazzmusiker, die dem Soul klassischer Mountain-Musik verfallen sind. Nicht zuletzt dürfte Avantgarde-Produzent Wayne Horvitz für die strenge, schnörkellose Musikalität des Albums verantwortlich sein. Ironie haben diese Herren nicht nötig. Sie nähern sich ihrem Sujet in respektloser Kumpanei. Selbst Marc Bolans Broken Hearted Blues - eine der wenigen Fremdkompositionen - gewinnt mit Horvitz an der Orgel und elegischen Streichern die Patina eines Folksongs. Und wer wollte Barnes einen Nostalgiker schimpfen, wenn er einen Jesus ohne Kreditkarte besingt: Love Your Neighbor. Eine Botschaft, die umso glaubwürdiger klingt, als sie aus keinem "Old Mountain Home" stammt.