Da geht ein Geiger in Mexico City spazieren, hört einen wunderlichen Klang, folgt ihm und findet den einarmigen Carlos Garcia. Seit 1957 ernährt der sich und seine Familie von der Kunst, auf einem Efeublatt Melodien zu blasen. Man holt ihn ins Studio, wo der alte Efeu-Orpheus mit den ihm bis dahin unbekannten Musikern des Kronos Quartet den Klassiker Perfidia spielt, im Kopf den Text: "Frau, wenn du mit Gott sprechen kannst, frag ihn, ob ich je aufgehört habe, dich zu lieben."

Es ist sehr anrührend, das zu hören, wenn man die Geschichte dahinter kennt und sich den Einarmigen mit seinem Blatt vorstellt. Nur erfährt man darüber nichts im Booklet, sondern im Internet unter www.nonesuch.com - beiläufige Vorbereitung auf Zeiten, in denen man auch Musik nur noch vom Schirm pflücken wird. Aber noch gibt es Hardware, in diesem Fall sogar ein richtiges Konzeptalbum mit Fotostrecke Nonesuch 7559-79649).

Mit wie viel Liebe sich die Kalifornier in ihr mexikanisches Projekt vertieft haben, kann sich hören wie lesen lassen. Der Netz-Appendix ist eine gediegene Kurzlektion zur mexikanischen Musik seit 1900, vom son huasteco und von seinen Kehlschnappern im Sechsachteltakt bis zum metallischen nortec-Sound der Discos von Tijuana, von Silvestre Revueltas, dem trunksüchtigen Sinfoniker, bis zu den Soundtracks der populären TV-Comedys. Das alles hat Kronos adaptiert. Und es beginnt fulminant mit einer hendrixmäßig elektrisch verzerrten Quartettversion des Tampico-Barklassikers El Sinaloense, die geeignet ist, einem die letzten Mescal-Reste aus den Knochen zu fegen oder, umgekehrt, Lust auf ein Gläschen zu machen. Das bewegt sich fernab von den Cross-over-Bemühungen vieler Klassikkünstler, die nie ganz den Blick des Missionars auf die Wilden verlieren.

Der Quartettklang ist auf Nuevo nur eine Farbe von vielen. Was vor Kitsch nicht schützt. Mal ist er seicht wie die Chavosuite mit TV-Melodien, mal bunt und abgründig wie bei der Collage um die Heilige Mutter von Guadalupe, deren Beter man hier murmeln hört, schwül überlagert von Instrumentalzuspielungen mit Percussion, im Studio montiert wie alle Stücke. Da wird das Pingpong-Stereo der Sechziger neu entdeckt oder technoman durch Tex und Mex gezappt wie in Café Tacuba. Und immer wieder Straßenlärm.

Mitunter ist das alles ein bisschen zu perfekt gebaut, zu "westlich". Aber wenn man das mitreißende Aztekengeschrei in El Llorar hört oder, zum wiederholten Mal, den Efeumann, hat Nuevo doch das Zeug zur Kult-CD.