Der Palast des venezolanischen Präsidenten steht auf einer Anhöhe über dem alten Stadtzentrum von Caracas. Das Gebäude des Herrschers trägt den schönen Namen Miraflores - was so viel bedeutet wie: Sieh, die Blumen. Im Spiegelsaal des Palastes hängen überlebensgroße Porträts des Nationalhelden Simón Boløvar an den Wänden. Der Präsident sitzt an einem mit Furniereinlagen verzierten Tisch, die Beine leicht angewinkelt voreinander gesetzt - eine Pose, wie man sie von Königsporträts aus dem 19. Jahrhundert kennt. Sein Blick konzentriert sich auf eine vor dem Tisch postierte Kamera. Er trägt eine dunkelblaue Arbeiterjacke mit den Insignien eines Stahlwerks.

Gleich ist er wieder auf Sendung, der Präsident - Hugo Chávez Frias. Ein vom Putschisten zum gewählten Staatsoberhaupt avancierter Leutnant und selbst ernannter Revolutionär. In wenigen Minuten tritt er mit einer eigenen Fernsehshow vor sein Volk wie fast immer an einem Sonntag. Die Sendung heißt Aló Presidente. Chávez fungiert in der sechsstündigen Mischung aus Bibelstunde, politischer Schulung, Phone-in und volkstümlicher Witzelei als Moderator, Hauptdarsteller und Alleinunterhalter. Aló Presidente spielt in der venezolanischen Politik eine wichtigere Rolle als Kabinettssitzungen oder Debatten in der Nationalversammlung. Minister hören vor dem Fernsehschirm oft zum ersten Mal von neuen Vorhaben des Präsidenten. In der Sendung am 7. April dieses Jahres entließ er den gesamten Vorstand des staatlichen Ölkonzerns PDVSA, weil er den Managern unterstellte, gegen ihn zu arbeiten. Er trat in der Fernsehshow wie ein Baseballschiedsrichter auf, rief nacheinander die Namen der Direktoren, trillerte auf seiner Pfeife und entschied jedes Mal: "Du bist draußen!"

Das englische Intellektuellenmagazin Prospect nannte den unkonventionellen Staatschef einen "von einer eklektischen Mischung aus Thatcherismus und Castro-Ideologie beseelten Tölpelmarxisten und postmodernen Showman". Der stämmige Chávez ist freilich nicht der Führer einer Bananenrepublik.

Venezuela ist der fünftgrößte Ölexporteur der Welt. Vor allem die USA sind auf venezolanisches Öl angewiesen. Ganz besonders jetzt, im Vorfeld eines möglichen Krieges gegen den Irak. Venezuelas Ölkonzern PDVSA ist folglich weit mehr als nur ein Großunternehmen. Dort lagert auch die Macht der Präsidenten.

Seit seiner Wahl im Jahr 1998 strapaziert Chávez die Beziehungen zu den USA aufs äußerste. Er besuchte als einziges Staatsoberhaupt seit dem Golfkrieg 1991 Saddam Hussein. Er knüpfte enge Beziehungen zu dem Iran und Libyen. Er freundete sich mit Castro an und liefert verbilligtes Öl nach Kuba. In der Opec, der Organisation der Ölproduzenten, deren Quoten sein Land zuvor routinemäßig überschritten hatte, trieb er das internationale Preisniveau durch strikte Kontingentierung in die Höhe.

Obendrein sperrte er seinen Luftraum für amerikanische Flugzeuge, die kolumbianische Drogenschmuggler über venezolanisches Hoheitsgebiet verfolgen wollten. Er wies die amerikanische Militärmission in Caracas aus. Er krönte die Geschichte der Provokationen in New York, wo er als Ehrengast zu einem Lunch mit Bankiers und Finanziers ins Hotel Waldorf-Astoria geladen war.

Neben ihm saß der "lateinamerikanische Königsmacher" des mächtigen Geldhauses Citigroup, Bill Rhodes. Der versuchte immer wieder, Chávez in ein Gespräch zu verwickeln - vergeblich. Der venezolanische Präsident schwatzte mit allen und jedem, vor allem mit den Kellnern und Kellnerinnen, nur nicht mit seinem Tischnachbarn. In Südamerika, wo es mit der Reputation der USA ohnehin nicht zum Besten steht, brachte Chávez es mit solchen Auftritten zum Volkshelden.