Die Zombie-Filme von George A. Romero hatten immerhin den schönen Effekt, dass man sich vor ihren menschenfressenden Untoten, denen hie und da noch ein Finger aus dem Mund hing, ohne großen Reflexionsdruck gruseln durfte. Bei den linken Wiedergängern, die seit einiger Zeit über die Leinwände irrlichtern, ist die Sache differenzierter. In Thomas Imbachs Film Happiness is a warm gun wandelt Petra Kelly mit durchschossener Schläfe über den Frankfurter Flughafen und verbreitet genau die rhetorische Energie, die sie schon zu Lebzeiten zu einer Mischung aus überzeugter Polit-Passionaria und Schreckgespenst werden ließ - eine immer noch von den eigenen Utopien gehetzte, neurotische Missionarin, der Imbachs Film post mortem seine durchgeknallte Reverenz erweist.

Christian Petzold machte in Die innere Sicherheit ein nach Jahren aus dem Untergrund aufgetauchtes Terroristenpaar zu Fliegenden Holländern, die schutzlos über die deutschen Autobahnen ziehen, ohne dass sie je von der Last ihrer einsamen Verantwortung erlöst würden - auch hier ist die deutsche Linke eine rastlose Schimäre. In Christopher Roths Baader-Film, der jetzt in die Kinos kommt, wird der RAF-Terrorist nachträglich zur Pop-Ikone erklärt, zweifellos die schickste Form des Untoten. Als draufgängerischer Womanizer stolziert Frank Gierings Baader durch den Untergrund, im Gefolge die Polit-Groupies Gudrun Ensslin (Laura Tonke) und Ulrike Meinhof (Birge Schade). In Roths Film entsteht ein unterhaltsamer V-Effekt zwischen bundesrepublikanischen Siebzigern und modischem Seventies-Revival, einer großkalibrige Marxismen von sich gebenden Truppe und ihrem Outfit, das sich nicht von dem heutiger MTV-Moderatoren unterscheidet. Den Kaufhausbrandstifter-Prozess inszeniert Roth als politisches Planspiel mit überforderten Richtern, überlegenen Angeklagten und einem Baader, der wie Brecht höchstselbst unberührt und zigarettenrauchend über den Debatten zu thronen scheint. Antikapitalistische Parolen und revolutionäre Lehrsätze bekommen eine verschrobene Aktualität, Vietnam liegt gleich neben Afghanistan, und der Irak ist auch nicht weit.

Einmal, wenn Baader und Ensslin im Kino sitzen, entsteht ein blitzartiger Bypass quer durch die Zeitläufte, und die beiden Terroristen scheinen in den coolen Leinwandhelden ihre eigene spätere Mythisierung zu erkennen. Über allem schwebt die Sehnsucht nach Bonnie & Clyde und existenzialistischem Glamour, freier Liebe und ein bisschen Bedeutung. Den BKA-Chef gibt Vadim Glowna als einsamen Wolf und Genrebullen. Er verbreitet den müden Charme eines Vaters, der seine Kinder zur Vernunft bringen will, aber durchaus Sympathie für deren revolutionäre Flausen besitzt. In einer Szene treffen sich Baader und sein seelenverwandter Jäger nächtens in der nebligen Pampa zum vertraulichen Plausch im Auto, fachsimpeln über Fahndungsmethoden, die Gewaltspirale und die Möglichkeit gesellschaftlicher Veränderung. Da treten zwei Figuren aus der Geschichte und der Schwerkraft der Verhältnisse heraus und geben sich der leisen Sehnsucht hin, dass alles auch ganz anders hätte kommen können. Als Versuch, eine prägende Figur des deutschen Linksterrorismus in den Pop-Olymp zu überführen, besitzt Baader all die Unschärfen, Zuspitzungen und forschen Verfälschungen, die ein solcher Ansatz eben mit sich bringt - aber nicht die dafür notwendige formale Chuzpe und Stilisierungswut.

Das Problem des Films ist daher nicht die spekulative Heldenfeier, sondern seine Zögerlichkeit. Wer einer historisch-politischen Figur so viel subjektive Neuinterpretation und popkulturelle Vereinnahmung zumutet, muss als Regisseur auch sein eigenes formales Scherflein dazu beisteuern - da sind die Regeln des inhaltlich-ästhetischen Kuhhandels ziemlich einfach. Bei Roth nimmt die filmische Form allerdings kaum an der Ikonisierung teil, hinkt das Handwerk der Vision mit biederen Halbtotalen und Schnitt-Gegenschnitt-Auflösungen hinterher. In seinen stärksten Momenten verleiht Baader dem souverän ketterauchenden Terroristen daher die verlorene Größe eines Melville-Helden, in den schwächeren verströmt er dann wieder die klaustrophobische Piefigkeit einer Derrick-Folge.