Berlin ist eine harte Stadt. Gemüsehändler verkaufen ohne Scham fauligen Salat, auf den Bürgersteigen lauert Kampfhund-Kot, und die kalte Jahreszeit dauert länger als sechs Monate. Eine Stadt, die Lust auf mehr macht. Auf viel mehr. Auf Genuss, Freude, auf die Schönheit und den Lebensstil südlicher Gegenden.

In Kreuzberg, dem Stadtteil, der stets für Experimente herhalten muss, kultiviert die Gärtnerei Hofgrün im Auftrag des Bezirks Sinneslust. 310 Reben wachsen hinter hohen Metallzäunen, Kerner, Müller-Thurgau, Weißer Riesling, Dornfelder, Blauer Portugieser, Blauer Spätburgunder. Gerade Letzterer ist empfindlich, um nicht zu sagen: zickig, und benötigt zur Reife am besten die gut durchlüfteten Kalkhänge des Burgund.

Hier, am Fuße des Kreuzbergs, ist der Boden fast eben, und seine Beschaffenheit ... Ach nein, sagt Jörg Hinz von der Firma Hofgrün schnell, der Boden ist nichts Besonderes. Auch sonst ist das kein guter Ort. Die Jahresdurchschnittstemperatur zu niedrig, der Winter zu lang für Weinbau. Da ist es dann auch schon egal, dass man für den flachen Kreuzberger Weinberg die schlechteste Lage ausgewählt hat: Nordhang. Schon einmal zerbrach an dieser Stelle der Berliner Traum vom schönen südländischen Leben. Im 16. und 17. Jahrhundert versuchten Weinbauern am Runden Weinberg, später Kreuzberg genannt, mit Gewächsen ihr Glück, die teilweise so sauer waren, dass sich laut Spöttern alles am Mann zusammenzog, die man aber dank ihrer intensiven roten Traubenfarbe hervorragend als Tinte verwenden konnte. Ein Erlass König Friedrich Wilhelms I. und ein heftiger Winter machten dem unrentablen Treiben ein Ende.

Doch die Sehnsucht war größer. 1968 pflanzten Unverdrossene wieder Reben am Kreuzberg, und nun füllt man jedes Jahr ein paar hundert Flaschen mit Kreuz-Neroberger und Kreuzberger Blauer Spätburgunder. Trotz alledem.

Hilft Herr Hinz mit Föhn und Höhensonne nach? Nein, sagt er, die Lage habe Vorteile: In der Stadt ist es wärmer als im Umland. Und dann ist da die Mauer. Die mächtige Brandschutzmauer des Wohnhauses direkt hinter dem Gelände, die Wärme speichert und wieder abstrahlt. Und der Geschmack? Relativ fruchtig, sagt Herr Hinz tapfer. Außer bei der alljährlichen Verkostung wird der Kreuzberger Wein kaum getrunken, schließlich soll er Freude machen. Man verschenkt ihn zu Repräsentationszwecken gegen Quittung. Eine Rarität, nach der mancher Sammler lechzt.

Busse mit Touristen auf Stadtrundfahrt quälen sich durch die Methfesselstraße neben dem Weinberg. Einmal ließ sich ein pfälzischer Bundestagsabgeordneter, gefragt nach seinem liebsten Platz in Berlin, vor den Rebenreihen fotografieren. Ob er einen Schluck von dem Wein genommen hat, ist nicht überliefert.

Herr Hinz öffnet eine Flasche Kreuz-Neroberger Jahrgang 2001, gießt ein. Duft nach Heu und Gänseblümchen. Geschmack frisch, ein bisschen wie Riesling, sauer, ja, aber längst nicht so sauer wie gedacht. Sonst sei er lieblicher, sagt Herr Hinz lächelnd. Fast wie ein Wein vom Rhein.