Wenn die smarten Stadtmenschen freitagabends aus ihren gläsernen Büros am Hamburger Hafen heimkehren, sind sie manchmal doch sehr erschöpft vom schnittigen urbanen Leben. Dann sehnen sie sich nach Gemütlichkeit und insgeheim sogar nach Natur, deshalb ziehen sie am Wochenende ihre Wanderschuhe an, dazu die Weste mit den Hirschhornknöpfen und spazieren durch den Alten Elbpark, erst zum Bismarck-Denkmal hinauf und anschließend zu den Landungsbrücken hinunter. Machen sie aber beim Treppabsteigen einen kleinen Schlenker nach links, zu einem Hügel namens Stintfang, gelangen sie mitten ins Herz der großstädtischen Landliebe, zu einem 50 Reben schmalen Weinberg, der so kläglich eingeklemmt ist zwischen den großen Hotels am Hafen, der so traurig hinabschaut auf die wuchtigen Containerschiffe und die wichtigtuerischen Museumskähne, dass er schon wieder eine Tapferkeitsmedaille verdient.

Vor sechs Jahren haben die Winzer vom Stuttgarter Weindorf, die einmal im Jahr zu Besuch auf den Hamburger Rathausmarkt kommen, der Stadt einen Weinberg geschenkt. Doch über die edlen Spender gibt ein völlig ramponiertes Schild, das sich mühsam aufrecht hält, nur noch sehr unvollständig Auskunft.

Papierfetzen trudeln zwischen den Reben herum, leere Bierbüchsen scheppern schon mal von der Brüstung der Jugendherberge herunter, die dem Weinberg im Genick sitzt, und die unvermeidlichen HipHop-Runen der Sprayer verzieren den Mauersims unterhalb des Stintfangs.

Überhaupt ist das Ländlich-Sittliche hier schutzlos dem Toben der Zivilisation ausgesetzt: Alle paar Minuten quält sich eine kreischende S-Bahn unter dem Berg hindurch, dass die armen Pflanzen jedes Mal ängstlich erzittern. Man hört regelrecht, wie sie den alten Rousseau und seine Maxime Zurück zur Natur! aus tiefster Seele verfluchen. Es ist ihnen vermutlich nur ein geringer Trost, dass sie offiziell von Hamburger Politikern betreut werden - im Gegensatz zu den offiziell für sich selbst verantwortlichen Obdachlosen, die bei gutem Wetter auf der Wiese neben dem Wein ihre Schlafsäcke trocknen. Die Pflanzen haben aber natürlich noch inoffizielle Betreuer, zum Beispiel einen pensionierten Weinbaulehrer, der sie schon mehrfach überreden konnte, ihrem unwirtlichen Standort zum Trotz so viel Trauben zu entwickeln, dass es für 25 Liter Wein reicht. Ein Nordlicht. Aber trinkbar, behaupten die Stuttgarter Winzer, die den Hamburger Stintfang Cuvée keltern und die Flaschen dann an die jeweilige Bürgerschaftspräsidentin schicken. Einmal allerdings wurden sämtliche Trauben kurz vor der Lese gestohlen, woran man wieder merkt, dass die Stadt eben kein Dorf ist - auch wenn sie sich gelegentlich rustikal verkleidet.

Die Vorzüge des Landlebens, insbesondere des Vorstadtgärtchens, hatte der aus Hamburg stammende Gelehrte Barthold Hinrich Brockes bereits Anfang des 18.

Jahrhunderts in sentimentalischen Versen gerühmt. Seine innigen Naturbetrachtungen wollen aber zum ruppigen Stintfang (benannt nach den Stinten, lachsartigen Fischen) schlecht passen. Dann schon eher die bissigen Epigramme seines älteren Kollegen Friedrich Freiherr von Logau, etwa über den gefährlichen Zusammenhang zwischen Schiffen und geistigen Getränken: Wer täglich in dem Weine schwimmt, schwimmt bis er endlich Schiffbruch nimmt!