Die Mauerblümchen Hitzacker – Seite 1

Bernd Schulz schaut jetzt etwas missmutig. Oh, weh, der schöne Wein! Die unteren Reben haben die vom Stadtbauamt tot gespritzt, sagt er.

Mehltaubekämpfung, die Kollegen haben es wohl zu gut gemeint. Packten die chemische Keule aus, hier auf dem Sonnenhang, oberhalb von Hitzacker.

Hitzacker im flachen Wendland, 50 Kilometer südöstlich von Lüneburg, am Ufer der Elbe. Dass die Wendländer kämpferisch sind, weiß man, regelmäßig geht es hoch her gegen die Atommülltransporte. Aber dass sie gleich so hart gegen die Trauben vorgehen? Obwohl das nun eine der kleineren Katastrophen für den Ort ist, in dem die meisten damit beschäftigt sind, die Schäden der Jahrhundertflut an den alten Fachwerkhäusern zu kitten. Weinbau ist zum Glück kein tragender Wirtschaftszweig. Jeder Jahrgang des Hidesacker Weinbergstropfen passt in 100 Flaschen.

Der Wein ist etwas für wirkliche Liebhaber, ein Sammlerstück gewissermaßen, sagt Schulz, der Deutschlands nördlichsten Weinberg betreut. Immerhin liegt der Sonnenhang weit jenseits des europäischen Rebengürtels zwischen 40. und 50. Breitengrad, wo der meiste Wein angepflanzt ist. Doch jährlich 1600 Sonnenstunden haben Hitzacker nicht nur in jüngerer Zeit den Titel Luftkurort eingebracht, sondern bereits im 15. Jahrhundert einen Rebenhang, der damals schon reiche Erträge abwarf. Wie der Wein geschmeckt hat, darüber sagen die Quellen wenig. Schließlich galt zu dieser Zeit fast jede vergorene Traubenplörre als süffiger Wein. 1713 war es allerdings vorbei mit dem Tropfen aus Hitzacker, ein Unwetter verhagelte die Ernte, und die Wendländer verlegten sich aufs Biertrinken.

Seit fast 20 Jahren gibt es nun wieder ein paar zarte Pflänzchen auf dem Weinberg, gespendet von der Stadt Landau in Rheinland-Pfalz. Ein Winzer keltert dort den Wein und überwacht im Frühjahr den Schnitt der Reben. Ich weiß nicht, ob er sonst genießbar wäre, sagt Schulz, froh über die Entwicklungshilfe. Denn Schulz ist Hitzackers Stadtgärtner

seit 15 Jahren stutzt er die Seitentriebe der Reben, was er fachmännisch ausgeizen nennt, legt blaue Netze, die die Trauben gegen Vögel schützen sollen. Viel Arbeit, die er nicht gelernt und die bei ihm die Meinung verfestigt hat: Die Weinpreise sind zu niedrig für diesen Aufwand.

Ein Großteil des Tröpfchens wird auf dem städtischen Weinfest ausgeschenkt.

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Der Rest wandert in den Keller und wird an verdiente Bürger oder ehrenwerte Gäste verschenkt. Viel Rest wird dieses Jahr nicht bleiben. Nicht nach der Chemiekeule des Stadtbauamts.