Der Wein schmeckt, natürlich schmeckt der Wein, er ist süffig, frisch, er rinnt weich über die Zunge, ist schön nachhaltig im Abgang, wie man so sagt, warum auch nicht, ist ja ein Müller-Thurgau. Warum auch nicht? Nun, hier sind nicht die Mosel, der Rhein, die Unstrut, wo solcher Wein normalerweise in den Hängen klebt und zu großer Klasse reift, hier ist das östliche Ruhrgebiet, Hamm (Westfalen), Ortsteil Pelkum, rechts steht das Bergwerk Ost, da fördern sie Kohle seit 1906. Und oben, 56 Meter hoch, auf 5,9 Millionen Kubikmeter Erde und Gestein, kurz: Abraum, hochgeholt aus 1000 Meter Tiefe, säuberlich geschichtet und Kissinger Höhe genannt, ranken nun Reihe um Reihe Trauben.

Davor warten Hartmut Bals und Johannes Kissler, ignorieren das Hallo!, das man ihnen entgegenruft, sie sagen: Glück auf!, sagt man hier. Na dann: Glück auf!

Von ferne bimmelt es sacht, die Schachtanlage Heinrich Robert wirft eines ihrer Förderräder an, da bimmelt es immer, und Hartmut Bals sagt: 'n bisschen mickrig sind se, unsere Trauben. Was ist passiert? Irgendwie wollten sie dieses Jahr nicht so richtig, sagt Kissler, lag wohl am Wetter, hat sogar gehagelt. Na ja, sagt er, er guckt leicht zweifelnd, vielleicht lag es auch an was ganz anderem, weiß man ja nicht. Kissler ist kein Winzer, Bals ist es auch nicht. Die beiden sind Landschaftsgärtner. Sie gießen, pflegen den Weinhügel. 20 mal 30 Meter ist der groß, Südhang immerhin, darauf 99 Rebstöcke. 99, das ist wichtig. Einer mehr, und wir müssten ein Gewerbe anmelden, sagt Bals. Und Steuern zahlen, sagt Kissler. Dann gucken sie gewitzt. Kissler zeigt nach links: Da haben wir unseren Blauburgunder. Er zeigt nach rechts: Und da unseren Müller-Thurgau. 70, 80 Flaschen kriegen sie aus der Maische, die keltert aber Moselwinzer Hans-Peter Schmidtkes. Der ist Profi. So schmeckt der Wein wenigstens, sagt Bals.

Genau. Und da man nun ein Glas in der Hand hat, fragt man zurück, ob man denn nicht ein Etikett haben könne, das glaubt ja keiner, Wein aus'm Pott, von einer Abraumhalde, eigentlich will man ja nur eine Flasche Wein abstauben.

Klar, sagt da Johannes Kissler und drückt den Korken in den Flaschenhals, bitte schön, am Boden schwappt immerhin noch ein bisschen Wein. Womit fest steht: Eine volle Flasche kriegt nicht jeder. Ist nur für besondere Anlässe, Jubiläen. Ach so, und selbst? Merkt doch keiner, wenn mal eine Flasche fehlt, oder? Ach, ich trink den nicht. Er beugt sich vor, er sagt leise: Ich trink nur süßen.