Die existenziellen Ängste behinderter Menschen vor der Präimplantationsdiagnostik (PID), wie vor der modernen Gentechnologie überhaupt, sind in der Tat kaum durch Argumente und erst recht nicht mit Daten zu widerlegen. Dennoch möchte ich aus eigener Erfahrung - ich sitze seit mehr als 20 Jahren im Rollstuhl - dem Autor nahezu uneingeschränkt zustimmen. Die gesellschaftliche Akzeptanz von behinderten Menschen wird durch die ethisch durchaus problematische Herausbildung einer "Eugenik von unten" keineswegs tangiert. Eher scheint mir paradoxerweise gerade das Gegenteil der Fall zu sein.

Wenn nämlich heute immer mehr Menschen die individuellen Möglichkeiten der vorgeburtlichen Diagnostik und vielleicht schon morgen die der "Zeugung auf Probe" für sich in Anspruch nehmen, so wissen sie doch nur zu gut, dass allenfalls zehn Prozent aller Behinderungen genetisch bedingt und von diesen nur ein Teil vorgeburtlich diagnostizierbar ist. Alle übrigen Behinderungen aber sind Ausdruck und Kristallisationskern unseres ganz normalen Lebensrisikos am Anfang, in der Mitte und am Schluss.

Gegen diese Lebensrisiken haben sich die traditionellen stakeholder schon früh und unter Kämpfen kollektive Absicherungen geschaffen, die einer sehr schmalen Schicht von wirklich Mächtigen ein Dorn im Auge waren. Heute aber propagieren nicht nur die traditionellen shareholder, sondern vor allem all jene, die zu ihnen gehören möchten, mit Vehemenz den Abbau dieser Sicherungs- und Selbstschutzsysteme, die sie, völlig zutreffend, als Behinderung der Verwertungsinteressen ihres Kapitals anprangern: Alle sozialen, rechtlichen und natürlichen Behinderungen, so ihre Devise, und alle mehr oder weniger unvollkommenen oder unwilligen Menschen, die der maximalen Kapitalausnutzung entgegenste hen, sind für sie inakzeptabel. Diese neoliberale Grundhaltung - und nicht so sehr die ethisch fragwürdige gentechnologische Entwicklung - scheint mir der eigentliche Kern des Akzeptanzproblems zu sein, dem sich behinderte Menschen in unserer Gesellschaft ausgesetzt sehen. Doch zugleich liegt darin auch der Beginn seiner produktiven Verarbeitung: Denn wer kann selbst als leitender Angestellter sicher sein, dass er nicht morgen schon zu den Überflüssigen zählt?

Dr. Walter Grode, Hannover

Selbstverständlich wird sich mit PID die künstliche Selektion ausweiten. Die Befürworter werden mir nicht beibringen können, dass sie auf keinen Fall expandieren wollen.

Ein unabweisbares Motiv für Selektion sei die Angst vor einem behinderten Kind. Ganz recht. Es ist die Realangst, stärker belastet, allein gelassen, ausgeschlossen und diskriminiert zu werden. Ich behaupte nicht, dass durch PID die Behindertenfeindlichkeit wächst, ich behaupte, dass sich die vorhandene Intoleranz verfestigt.

Um wenigstens den Anspruch auf Achtung der Würde und den Schutz des Lebens durchzusetzen, sind viele im Kampf für die Menschenwürde gestorben