Dass die 25- bis 35-Jährigen in Deutschland immer noch nach einer gemeinsamen Identität suchen, lässt sich schon aus dem Erfolg der Generationen-Bücher (Golf, Ally) schließen, die in den vergangenen Jahren und Monaten Auflage machten. Die 34-jährige Journalistin Susanne Leinemann hat diesem Genre nun mit Aufgewacht. Mauer weg einen weiteren Versuch der Selbstdefinition hinzugefügt. Er geht deutlich über die beliebten Lifestyle-Analysen hinaus. Man kann sagen: Endlich kommt mal jemand zur Sache. Endlich hat jemand noch Fragen.

Susanne Leinemann beschreibt - sehr aufmerksam, sehr uneitel - die Geschichte ihrer Beziehung zur DDR. Also zunächst einmal: die Nichtgeschichte. Denn wie für zahllose gleichaltrige Westdeutsche existierte das andere Deutschland für die Bonnerin kaum: "Gehört, gesehen - nichts." Jugendforscher hätten sich in den achtziger Jahren mit der Vermutung zufrieden gegeben, die DDR sei für bundesrepublikanische Teenager so etwas wie Ausland, schreibt Leinemann: "Tatsächlich rangierte sie in unserem Ranking von Nähe und Ferne noch unterhalb von ,Ausland'. Als erste Interrail-Generation konnten wir lässig morgens in Lyon frühstücken, um noch am selben Abend in Madrid ins Kino zu gehen. Ausland, das kannten wir. Da waren wir ständig. Die DDR konnte kein Ausland sein, sonst hätten wir sie ja unterwegs mal getroffen. Inland war sie erst recht nicht. Sie lag so fern, daß sie von unserer Weltkarte verschwunden war."

Die Autorin wollte dieses eigenartige Land trotzdem kennen lernen. Sie fand eine Brieffreundin, reiste nach "drüben" - und verliebte sich. Binnen 62 Stunden. Vor allem in einen Mann. Aber auch in die inoffizielle, die nichtamtliche, langsame, nachdenkliche, fremdartige DDR. Mit solchen Gefühlen konnte man bei Klassenkameraden im Westen keine Punkte machen - sie blieben Leinemanns gut gehütete Privatangelegenheit.

Zu verschwimmen begann ihr eigentlich erfahrungsgesättigtes DDR-Bild bei Klassenreisen in den Osten, die der politischen Bildung dienen sollten: "Vor lauter Gruppendynamik hatten wir gar keine Muße, unsere Antennen auszufahren und wahrzunehmen, was sich vor unseren Augen abspielte. Wir mußten ja ständig kommentieren, alles, die Städte, die Menschen, das Verhalten, die Einrichtung der Jugendherberge."

Diese kollektive Wahrnehmungsstörung hielt bis weit in den Sommer 1989 hinein an (und beschränkte sich nicht auf pubertierende Schüler). Wiedervereinigung?

Undenkbar. Ein Altherrenthema, potenziell rechts. Die deutsche Teilung: ein Naturzustand, notwendige Konsequenz aus der Nazi-Barbarei. Und die Menschen, die auf einmal massenhaft über Ungarn in den Westen flüchteten? Kaum ein westdeutscher Jugendlicher sah sie als seinesgleichen: Leute, die "Lust aufs Leben" hatten, "Spaß am Konsum, zunehmende Gleichgültigkeit gegenüber Politik und Ideologie und eine strikte Ausrichtung gen Westen". Vor allem aber: junge Leute. "Auch ich habe die vielen Ostdeutschen, die aus Zügen und Autos lachend in die Kamera winkten, nicht als Gleichaltrige erkannt", schreibt Leinemann. "Sie waren offensichtlich DDR-Bürger." Denen die bundesrepublikanischen Altersgenossen schnell und unfreundlich ihre Konsumorientierung vorwarfen, der die coole ironische Pose fehlte.

Die mangelnde Fähigkeit, sich aufeinander einzulassen, bewirkte im Großen, dass nach 1989 kaum jemand über die Frage nachdachte, ob es nicht vor allem der Totalverlust ihrer desillusionierten Jugend gewesen war, der die DDR zu Fall gebracht hatte - und welche Konsequenzen sich daraus für die vereinigte Bundesrepublik ergaben. Im Kleinen, Persönlichen scheiterte daran eine West-Ost-Liebe, weil die beiden, die sich da liebten, nach der Maueröffnung auf einmal den eigenartigen Zwang verspürten, einander das Trennende vorzurechnen. Die Gemeinsamkeiten gerieten darüber in Vergessenheit.