Den Satz hat vermutlich jeder mal zitiert, der was auf sich hält, auch in Fällen, da man nicht mehr weiterweiß und ohnehin an Tautologien glaubt: "Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine ..." So beliebt die Sentenz, so ungelesen das Werk von Gertrude Stein, The Making Of Americans wird so wenig gekauft wie Jedermanns Autobiographie so wenig wie Ida. Nicht weil es so schwer wäre, sie zu verstehen, sondern weil es so kinderleicht ist, sich in ihren Konstruktionen zu verirren. Als man sie zum wiederholten Male nach dem Sinn des Satzes fragte, antwortete sie: "Also hören Sie! Ich bin doch kein Narr. Ich weiß, dass man im täglichen Leben nicht sagt, ,is a ...is a ... is a ...'. Aber ich denke, dass in dieser Zeile die Rose zum ersten Mal seit hundert Jahren in der Dichtung rot ist." Doch nun ist Rose eine Rose.

"Kann Rose eine Rose sein wenn ihre Lieblingsfarbe Blau ist?", fragt interpunktionslos das Mädchen Rose und steckt damit tief in einer Geschichte, die Gertrude Stein 1938 als Kinderbuch schrieb und das nun als Hörbuch wohl zu einem der schönsten dieses Jahres geworden ist. Der New Yorker Verlag Young Scott Books hatte um Literatur für Kinder gebeten, und die amerikanische Avantgardistin sagte zu, damals 65 Jahre alt, in Frankreich lebend. Eine ideale Wahl, denn Gertrude Stein hat den Blick des Kindes, die Gedanken des Philosophen und die Sprache des Forschers. Es ist die alte Alice im Wunderland-Frage, die Rose umtreibt: "Alle hatten sie Namen und ihr Name war Rose aber wäre sie oft weinte sie deswegen wäre sie Rose gewesen wenn ihr Name nicht Rose gewesen wäre." Sollten Sie eben gedacht haben, sie hätten falsch gelesen, dann sollten sie besser auf die Stimme von Rufus Beck hören, aber davon später.

Die Welt ist rund - 1994 in einer wunderbaren Ausgabe beim Ritter Verlag in Klagenfurt erstmals auf Deutsch erschienen (und noch immer lieferbar!) -

erzählt die Geschichte vom neunjährigen Mädchen Rose, ihren beiden Hunden Pépé und Love, dem Cousin Willie und seinem Löwen Billie und was sie so erlebten. Mitten im Buch beschließt Rose, auf einen Berg zu steigen, allein, nur mit ihrem blauen Gartenstuhl, den sie schließlich auf die Spitze des Berges stellen will, um auf die Welt herunterzusehen. Dazwischen singt sie manchmal, und dann muss sie immer weinen, mehr gibt es nicht, und das ist schon beinahe alles, was ein Kinderbuch braucht. Der Rest ist Sprache, das heißt - das Entscheidende. Wie Lewis Carroll mit seiner Alice im Wunderland zwischen der rationalen Welt der Erwachsenen und der Traumwelt der Kinder hin- und herspringt, so zählt Gertrude Stein bei Rose auf die Sprache. "Ich bin Rose meine Augen sind blau / Ich bin Rose und wer bist du genau / Ich bin Rose und besonders beim Singen / Bin ich Rose vor allen Dingen."

Nun mag der eine oder andere der Ansicht sein, die Steinschen Endlosschleifen und Umwege voller Entwederoder, Weilda, Undundund überfordere und verwirre ein Kind, das gerade eben erfolgreich gelernt hat, Satzzeichen-, Wiederholungs- und Satzstellungsfehler zu vermeiden - er hat die Rechnung ohne das Hörbuch gemacht. Rufus Beck, dem seine vielstimmigen Harry Potter-Lesungen ebenso viel verdienten Ruhm wie mediale Überrepräsentation gebracht haben, ist hier unwiderstehlich. Er füllt die Repetitionsmuster mit Staunen, Fragen und Lautmalerei, gibt dem Scherz so viel wie der Stille. Er lullt ein, um im nächsten Augenblick wieder hochzurumpeln, er beherrscht das "mit sich selbst flüstern" und kippt ins Singen ohne in kindliche Melodien zu flüchten. Man vergisst sogar, sich darüber zu ärgern, dass der Übersetzer Michael Mundhenk - hervorragend reimig und ein bisschen frei - nur ganz klein gedruckt ist und nicht Gertrude Stein das Cover der Doppel-CD ziert, sondern der Ziegenbart von Rufus Beck. "Sprechen hat nichts mit Schöpfung zu tun", bemerkte Gertrude Stein einmal, hier würde sie stutzen.

Gertrude Stein (1874 bis 1946) könnte mit ihren Wiederholungen als literarische Patin des musikalischen Minimalismus gelten, und doch lehnt sich Komponist Martin Stock bei seinen Arrangements nur teilweise daran an. Er kontert mit einem "Vor langer,langer Zeit ..."-Märchenton und steigert ihn zu einem dramatischen Furioso, als Rose den Berg besteigt und sich - ganz romantische Tradition - in der Natur selbst findet. Sie sieht einen "schönen Baum und sie dachte ja er ist rund aber rundherum werde ich Rose ist eine Rose ist eine Rose reinritzen und dann ist's einfach da und ich höre nirgends mehr irgendwas das mir in der Nacht Angst macht". Schön, dass die Welt rund ist und dieser Rundherumsatz endlich ganz selbstverständlich wird.

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