Die Männer im blauen Arbeitsanzug sind bei den Franzosen beliebt. Steht ein Mitarbeiter des staatlichen Stromversorgers Electricité de France (EdF) vor der Wohnungstür, wird er freundlich zum Zähler geleitet. Das Unternehmen verkörpert wie kein anderes den Geist des französischen Staatsdienstes und die wirtschaftliche Kraft des Landes. Doch das heile Bild der Franzosen von ihrer EdF dürfte wohl bald Vergangenheit sein. Nur Wochen nach dem Debakel um den staatlichen Telefonkonzern France Télécom droht nun dem größten Energiekonzern Europas eine Schieflage.

Die aktuelle Konjunkturschwäche hat EdF kalt erwischt. Investitionen in Brasilien und Argentinien sind durch die Rezession in Südamerika verpufft, die Gewinne schmelzen. Zu allem Überfluss muss sich der französische Strommarkt auf Druck der Europäischen Union endlich für die ausländische Konkurrenz öffnen. Schon in diesem Jahr wird der Konzern wohl einen Verlust ausweisen müssen. "Die Konten könnten ins Minus rutschen", gestand Konzernchef François Roussely im Juli vor einem Ausschuss des französischen Parlaments.

Um EdF fit für den Wettbewerb zu machen, hat die französische Regierung den staatseigenen Konzern auf Privatisierungskurs gebracht - der größte Umbruch in der 46-jährigen Unternehmensgeschichte. Bis übernächstes Jahr will Roussely die ersten Aktien an die Börse bringen. Die Einnahmen sollen zum einen der Expansion und zum anderen der Tilgung von 22 Milliarden Euro Schulden dienen. Doch zuvor gibt es noch viel zu tun.

Das Dickschiff EdF flott zu machen ist eine schwere Aufgabe für Roussely, den ehemaligen Spitzenbeamten und Kenner des französischen Politikbetriebes. Die Strukturen des staatseigenen Giganten sind unübersichtlich. EdF beschäftigt 117 000 Menschen, macht 40 Milliarden Euro Jahresumsatz, betreibt allein in Frankreich 58 Kernreaktoren, versorgt alle französischen Privathaushalte und die meisten inländischen Firmen mit Strom. Der Konzern ist an 42 Unternehmen in 20 Staaten beteiligt. Auch in Deutschland ging das französische Unternehmen auf Einkaufstour. Ihm gehören knapp 34,5 Prozent des Stromkonzerns Energie Baden-Württemberg (EnBW). Deutsche Unternehmen wie RWE oder E.on dürfen umgekehrt nicht so ohne weiteres in Frankreich investieren.

Noch mindestens drei Jahre wird es dauern, bis private Haushalte dort ihren Stromversorger frei wählen können. Kein Wunder, denn EdF braucht noch Zeit, um sich auf den preisdrückenden Wettbewerb eines liberalisierten Strommarktes vorzubereiten.

Handfeste Probleme zeichnen sich auch in der Nuklearsparte des Unternehmens ab. Frankreich setzte in den vergangenen Jahrzehnten voll auf Atomenergie, der größte Teil des französischen Stroms stammt aus Kernkraftwerken. Aber viele Anlagen arbeiten unwirtschaftlich und sind im Schnitt gerade mal zu 75 Prozent ausgelastet - ein Wert, der im internationalen Vergleich nur von Staaten wie Bulgarien oder Russland unterboten wird. Der Grund: EdF produziert mehr Strom, als verkauft werden kann. Deshalb kommt es vor, dass Reaktoren am Wochenende abgeschaltet werden müssen, was angesichts hoher Fixkosten wirtschaftlicher Wahnsinn ist. Nach einem Vergleich der Zeitschrift Nuclear Engineering International befinden sich unter den 100 weltweit bestgenutzten Kernkraftwerken nur drei französische Standorte, während Deutschland siebenmal und die USA 46-mal in der Liste vertreten sind. Zur Wirtschaftlichkeit seiner Reaktoren schweigt EdF.

Wie lange die Meiler noch laufen werden, ist ebenfalls fraglich. "Angaben über die Lebensdauer von Atomkraftwerken sind spekulativ", sagt Mycle Schneider, Direktor des Energie-Informationsservice WISE in Paris. Sicher ist jedoch, dass hohe Kosten auf EdF zukommen, wenn Reaktoren stillgelegt oder erneuert werden müssen. Als Faustformel gilt, dass Atomkraftwerke rund 40 Jahre laufen. Jedes weitere Jahr erhöht zwar die Wirtschaftlichkeit, geht aber auf Kosten der Sicherheit. Ein großer Teil der französischen Kernkraftwerke ging in den achtziger Jahren ans Netz. Die Kostenbombe könnte also in rund 20 Jahren explodieren. Private Kernkraftbetreiber bilden aus diesem Grund erhebliche Rücklagen, die sie dann auch steuerlich geltend machen. Inwieweit EdF finanzielle Vorsorge getroffen hat, ist ungewiss. Denn die Bilanzierungsmethoden des Konzerns sind schwer zu durchblicken. Im August bemängelte auch der Vorsitzende des Finanzausschusses der Nationalversammlung, Pierre Méhaignerie, die undurchsichtige Buchführung von EdF.