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Es gibt Menschen, die fahren nach Südtirol, nur um von einem Weinbauern zum anderen zu wandern und zu probieren, was die braven Winzer in ihren Fässern horten. Theoretisch gehöre ich zu ihnen. Weingüter liegen normalerweise nicht auf den kahlen Gipfeln der Alpen, was meinem Naturell entgegenkommt. Denn ich blicke gern in Fässer, aber ungern in Abgründe. Und meistens gibt es dort, wo der Wein gluckert, auch etwas zu essen im Gegensatz zu den hochalpinen Almhütten, in denen Kraxler kaum andere Deftigkeiten finden als Schlutzkrapfen und Speck.

Der Speck hat das Land berühmt gemacht, er ist kräftig geräuchert, und Kenner schätzen an ihm besonders das Fett. Tiroler Speck ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Brettljause. Darunter muss man sich ein bei Wanderern beliebtes Kräftesammeln in rustikalem Ambiente vorstellen. Das kann auf einer Bank am Wegesrand geschehen oder in einer Bauernwirtschaft, wo der Fliegenfänger von der Decke hängt. Diese Relikte einer gastronomischen Steinzeit habe ich eher gemieden, da sie fast nie über eine anständige Auswahl lokaler Weine verfügen.

Hier unten aber, zwischen den Rebhügeln im Norden und den Obstplantagen im Süden, existieren Gasthäuser, bei deren Anblick man vor Glück jodeln möchte.

Da ist beispielsweise in Kurtatsch eine Perle, Zur Rose genannt. Natürlich sind die Holzwände in der gemütlichen Stube aus der Frührenaissance, und der alte Kachelofen ist im Winter schon allein ein Grund, hier einzukehren.

Doch das denkt man nur vor dem Essen. Hat erst einmal die reizende Frau Baldo die Gerichte ihres Gatten Arno auf den Tisch gestellt, verschwindet jeder Gedanke an Dinge, die nicht essbar sind. Denn hier schmeckt alles so, wie man es selber kochen würde, wenn man es könnte. Die Gnocchi mit den Steinpilzen sind federleicht, auch der Speckknödel ist locker und luftig. Ein Wunder an Perfektion sind die Steinpilze, weil sie hier endlich einmal nicht scharf gebraten, sondern schonend gedünstet oder gar roh serviert werden. Zartes Fleisch und originelle Vorspeisen summieren sich zu kulinarischen Wonnen, die man aus der Welt der Gastronomie verschwunden wähnte.

Das Bestreben, die Hausmannskost von gestern in einen neuen, zeitgemäßen und delikaten Kochstil zu verwandeln, ist hier überzeugend gelungen. Auch die Weinkarte bringt nur Freude ins Leben, und hätte mich die Pflicht nicht von einer Adresse zur anderen getrieben, wäre ich in der Rose in Kurtatsch sesshaft geworden.

Überhaupt möchte ich nicht den Eindruck erwecken, ich hätte in Bozen und Umgebung gelitten. Im Gegenteil! Mit Vergnügen erinnere ich mich an das Wirtshaus Vögele mit seiner gemütlichen Goethestube im Parterre, wo sie die offenen Weine in edlen Gläsern ausschenken und einen lauwarmen Kalbskopf servieren, der hervorragend ist. Auch ein Kürbisrisotto, unter dem dunklen Bild unseres Dichterfürsten genossen, gehört zu den Glanzlichtern dieser Wirtschaft in Bozens Altstadt.

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Auch der tägliche Obst- und Gemüsemarkt in den Gassen ist sehenswert und appetitanregend.

Nur an wirklich guten Restaurants fehlt es in Bozen, mit einer Ausnahme: dem Restaurant des Hotels Laurin, wo es schon fast elegant zugeht, sommers unter einem großen Zeltdach im Garten oder sonst in den distinguierten Räumen des Hotels. Es wird zusammen mit dem Greif gemanagt, und da es in Letzterem kein Restaurant gibt, stehen auf den Fluren wenigstens große Glasschüsseln mit frischen Äpfeln zur Selbstbedienung. Keine schlechte Abwechslung nach Tagen voller Speck und Knödel!

Seriöse Esser bevorzugen das Restaurant zur Kaiserkron am Musterplatz, ein angenehm bürgerliches Lokal und ein Beispiel für die gehobene Mittelklasse, die bei uns fehlt.

In Südtirol schafft man es spielend, für 87 Kilometer zwei arbeitsreiche Stunden hinterm Steuer zu sitzen. Das ist die Entfernung von Bozen bis Sankt Kassian, wo nach Meinung des illustren Reinhold Messner der beste Koch des Landes kocht. Die Fahrt führt über das Grödner Joch, was sehr eindrucksvoll ist wegen der vielen Serpentinen, der bizarren Berge und der schändlichen Zersiedlung dieser Alpenregion. Und die vielen Parkplätze nicht zu vergessen, wo die Wanderer ihre Autos abstellen, bevor sie den Gipfeln entgegenkeuchen.

Mein Ziel heißt Sankt Hubertus im Hotel Rosa Alpina. Dort wirkt Norbert Niederkofler, ein moderner Koch mit kühnen Ideen. Er hat bei großen Köchen gearbeitet und verbringt seine freien Wochen in New York. Seinen Gerichten merkt man das Weltweite an, ohne den Bezug zur Bodenständigkeit zu vermissen.

Ein schönes Beispiel ist sein Risotto mit Räucheraal. Mit auf dem Teller sind auch noch Wasabi und Spinat, und das Ganze schmeckt himmlisch. Nicht weniger originell ist eine Kombination von Taubenbrust und frischem Pfirsich, die durch Balsamico zusammengehalten wird. Auch seine mit süßlichem Zwiebelmus gefüllte Sardine auf Olivenbrot kann als Beispiel für diese Küche gelten, in der sich hohe Kunstfertigkeit mit interessanten Aromen vereint. Dass dabei schon mal übersehen wird, wenn ein Ochsenschwanz hart und zäh ist, muss man in Kauf nehmen.

Bei der herrlichen Weinauswahl, die dem Gast sachkundig erklärt wird, muss dieser nicht an die Rückfahrt denken. Schließlich stehen ihm 42 komfortable Zimmer und 12 Suiten zur Verfügung.

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Abschließend soll der im ersten Teil erwähnten Etappe in Brixen gedacht werden, des Elephanten. Er hat sich erstaunlich gehalten, und wenn die Speisekarte eine bürgerliche Aura hat, so besagt das wenig. Denn der derzeitige Küchenchef hat bei den Großen seines Fachs gearbeitet, und das schmeckt man bei den Schlutzkrapfen ebenso wie beim Bollito Misto. Und die Süßspeisen? Mein Gott, sie sind gewöhnlich.

Aber ein gewöhnlicher Apfelstrudel kann ein Hochgenuss sein. Hier, im Elephanten zu Brixen, ist er es.

ZUR ROSE

Endergasse 2, I-39040 Kurtatsch, Tel. 0039-0471/88 01 16

VÖGELE

Goethestraße 3, I-39100 Bozen, Tel. 0039-0471/97 39 38,

PARKHOTEL LAURIN

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Laurinstraße 4, I-39100 Bozen, Tel. 0039-0471/31 10 00

HOTEL GREIF

Waltherplatz, Eingang Raingasse, I-39100 Bozen, Tel. 0039-0471/31 80 00

RESTAURANT ZUR KAISERKRON

Am Musterplatz 1, I-39100 Bozen, Tel. 0039-0471/97 07 70,

HOTEL ROSA ALPINA

I-39030 Sankt Kassian, Tel. 0039-0471/84 11 11, Restaurant Sankt Hubertus: Tel. 0039-0471/84 95 00

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HOTEL ELEPHANT

Weißlahnstraße 4, I-39042 Brixen, Tel. 0039-0472/83 27 50