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Washington

Jeden Morgen um neun ist im Montessori-Kindergarten von Chevy Chase ein neues Ritual zu beobachten. Im Vorraum, wo die Kinder sich verabschieden, steht jetzt ein kleines Transistorradio. Es läuft der Nachrichtensender, ganz leise, damit nur Erwachsene zuhören. Fast jeder beugt sich über das Gerät, denn machmal lauert der "Beltway Sniper" seinen Opfern in der Frühe auf. Ein Nachrichten-Check kann da nützlich sein. Denn sollte der Heckenschütze soeben irgendwo zugeschlagen haben, dürfte der eigene Heimweg, möglichst fern dem Tatort, sicher sein.

Es ist ein makabres Spiel, das zurzeit in Washingtons aufgeräumten Vororten stattfindet. Wer sein Haus verlässt, spielt mit. Die Gefahr zu verlieren ist minimal, weit geringer als jene, auf der Straße überfallen zu werden. Aber dafür ist der Einsatz hoch. Um nichts weniger als das Leben geht es. Neun Verlierer stehen schon fest, neun binnen dreizehn Tagen, ausgewählt und niedergestreckt von einem unsichtbaren Menschenjäger, den seinerseits das größte Polizeiheer in Washingtons Geschichte jagt. In seiner angemaßten Allmacht nimmt der Täter scheinbar wahllos Leben und dringt zugleich ein in die Welt der Überlebenden, Millionen Vorstädtern, die inzwischen die Notwendigkeit eines jeden Spaziergangs, einer jeden Bewegung infrage stellen.

Marlene Cherry, die Leiterin des Kindergartens, will es nicht diskutieren, wie viel Vorsicht angemessen ist, nicht, solange ein Serienmörder umgeht. Sie schließt den Kindergarten einfach ab, sobald morgens die Eltern weg sind.

Keine Rauchpausen für die Kolleginnen, kein Spiel auf der Wiese für die Kinder. Die eigene Tochter hat nachmittags Hausarrest. "Die versteht das", sagt Cherry, "die ist schon 13." Jetzt kommt nach der Schule eine Freundin zu Besuch, es gibt Videos und Pizza vom Zustelldienst. Einmal, erzählt Mrs Cherry, hätten sie ein Taxi gerufen und die Mädchen ins Kino fahren lassen: "Auf dem direkten Wege hin und genauso wieder zurück. Sogar den Fahrer kannte ich persönlich."

Beim Tanken hinknien

Marlene Cherry lernt nun von ihrer Tochter, was Code Blue und Code Red bedeuten. Das sind die Kennwörter für den Belagerungszustand. Alarmstufe Blau heißt: Ein Heckenschütze ist in der Nähe, weshalb der Schulsport abgesagt und das Gebäude abgeschlossen ist, der Unterricht bei heruntergelassenen Jalousien stattfindet und Eltern sich am Eingang ausweisen müssen. Das ist derzeit der geltende Zustand. Alarmstufe Rot bedeutet, dass ein Schütze im Gebäude ist. Es gibt also noch eine bislang unerreichte Steigerungsform des Alltagswahnsinns.

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In der Vorstadt Kensington, wo Familie Cherry wohnt, sind die Folgen der Dauerbedrohung auf den riesigen Parkplätzen der Shopping-Malls zu beobachten: trotz Schlussverkaufs halb leere Asphaltkarrees. Ein paar Besitzer von Selbstbedienungscafés haben Tische und Stühle hereingeholt. Nicht, weil es draußen kalt geworden wäre, sondern weil leere Parkplätze ein freies Schussfeld abgeben. In den Wohnstraßen sind kaum noch Jogger zu sehen, dafür gibt es Warteschlangen vor den Laufbändern der Fitness-Studios.

Am schlimmsten ist es, tanken zu müssen. Viermal erschoss der Unbekannte Autofahrer, die gerade an der Zapfsäule standen. Seither sind Tankstellen in der Innenstadt populär, weil sie zumeist klein und in Häuserzeilen eingebaut sind. Manche Kunden fahren stundenlang herum, um eine Tankstelle mit Service zu finden. Wer ein Weilchen an einer beliebigen Tankstelle herumstreunt, kann Bedrückendes sehen. Da gibt es Leute, die vorab bezahlen, dann aber in Panik und ohne Benzin weiterfahren. Manche blicken immerzu in die Ferne, weil die Schüsse aus rund 100 Metern Entfernung kommen sollen. Andere verstecken sich hinter der Zapfinsel. Guardian Angels, freiwillige Ordnungshilfskräfte, halten vor einigen Tankstellen Schilder hoch: "Don't pass. We'll pump your gas." - "Nicht weiterfahren. Wir zapfen für Sie."

Die Washington Post empfiehlt ihren Lesern (unter Berufung auf einen ehemaligen Scharfschützenausbilder) folgendes Verhalten im Alltag:

1. In übersichtlichem Gelände die Laufrichtung dauernd abrupt ändern.

2. Gehen, wo es dunkel oder schattig ist.

3. Deckung suchen, notfalls ein Kissen vors Gesicht halten, sofern es unvermeidbar ist, stehen zu bleiben.

4. Beim Tanken knien, um das eigene Profil zu verkleinern, selbst wenn das lächerlich aussieht.

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5. Bei Schüssen auf den Boden werfen.

Mag die Welt Amerika für die Heimat von Serienkillern und Amokläufern halten, die Amerikaner glauben gemeinhin, der Irrsinn sei anderswo zu Hause und sie könnten sich jederzeit, beschützt von zwei Ozeanen, in den Frieden der eigenen Lebenswelt zurückziehen. Dieser Glaube kommt ihnen seit einem Jahr schrittweise abhanden. Zuerst haben sie lernen müssen, dass Flugzeuge Lenkwaffen und Briefe tödlich sein können

inzwischen kann es sogar einem Todesurteil gleichkommen, einkaufen oder spazieren zu gehen. Deshalb kennt das ganze Land für das, was rund um Washington geschieht, nur ein einziges Wort: Terrorismus. Wer immer dieser Feinmechaniker des Todes ist, er verübt mit einer traditionellen Waffe ein neumodisches Verbrechen. Er hat sich dafür die modernste aller amerikanischen Landschaften ausgesucht, die Vorstadt.

Montgomery und Fairfax Counties, nördlich und westlich von Washington gelegen, zählen zu den wohlhabendsten Gegenden des Kontinents. Hier wohnen jene Machtmenschen, die aus den Büros rund um das Weiße Haus die Welt dirigieren. Ortskerne gibt es hier nicht, nur Einfamilienhäuser, ach was: Paläste, so weit das Auge reicht. Gärten werden nicht gepflegt, sondern manikürt. Aus den Doppelgaragen gleiten morgens die Limousinen. Die Bewohner dieser properen Welt bewegen sich nie zu Fuß, Bürgersteige kennen sie nicht.

Sie fahren von riesigen Familienheimen auf riesigen Boulevards zu riesigen Parkplätzen vor Schulen, Einkaufszentren, Tankstellen, Büroparks. Dort und nur dort steigen sie aus. Dies ist der kurze Moment, in dem ihre Existenz den öffentlichen Raum berührt. Und genau dies ist der Moment des Mörders.

"Ich bin Gott", schrieb der Mörder

Dass er die Distanz zu seinen Opfern sucht, kennzeichnet diesen Killer. Er setze alles daran, sagen FBI-Profiler und Kriminologen, nicht gefasst zu werden. Deshalb immer Autobahnen als Fluchtwege. Deshalb die Entfernung vom Opfer. Deshalb immer nur ein Schuss. Schon der zweite könnte ihn verraten.

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Die Opfer seien ihm egal, eine reine Zufallsauswahl. Anders als andere Serientäter vor ihm ziehe er seine perverse Lust nicht daraus, Sterbenden ins Auge zu schauen. Erst später ergötze er sich vor dem Fernseher an der Angst der Zuschauer. Mit der Fernbedienung in der Hand lebe er seinen Narzissmus aus, seine Sehnsucht nach Macht. Eben das macht ihn zu einem modernen Serientäter.

Inzwischen ist klar, dass der Scharfschütze auf die Fernsehnachrichten über den eigenen Fall reagiert. Die Polizei gab Anfang vergangener Woche bekannt, einen "geografischen Profiler" zugezogen zu haben, um aus den Orten der Anschläge ein Muster zu entwickeln. Prompt verließ der Schütze für den nächsten Anschlag seine Lieblingsgegend. Die Polizei erklärte, Schulen seien nicht gefährdet. Prompt zielte der Beltway Sniper auf einen Schüler. Die Polizei ließ wissen, der Täter wolle sein wie Gott. Prompt findet sich am nächsten Tatort eine Tarot-Karte: "Ich bin Gott." Nach drei Tagen ohne Mord gibt der Polizeichef bekannt, man mache Fortschritte bei den Ermittlungen.

Prompt schlägt der Täter wieder zu. Mit jedem Schuss wächst sein Risiko.

Jeder Polizeiwagen Amerikas scheint inzwischen im Raum Washington stationiert zu sein. Binnen Minuten sind jetzt nach einem Anschlag sämtliche Schnellstraßen abgeriegelt.

Die Polizei wäre schon weiter, könnte sie den Besitzer der Tatwaffe ermitteln. Doch 670 verschiedene Waffentypen sind frei und ohne Lizenz erhältlich. Das Recht, Waffen zu tragen, ist eine heilige Kuh der amerikanischen Demokratie. Nur wenige Meilen von einem der Tatorte, der Sunoco-Tankstelle von Manassas, gibt es zum Beispiel einen großen Supermarkt.

Wer hineingeht, muss erst an Damenunterwäsche und Fernsehern vorbei. Dahinter findet sich die Sport- und Campingabteilung. Neben Skateboards und Schlafsäcken stehen dort in einer großen Vitrine Waffen. Auf allen Verpackungen sind Rehe und Hirsche zu sehen. Also Jagdgewehre? So heißen diese Geräte zumindest, wiewohl sich der Laie fragt, welches Wild Wal-Mart-Kunden mit einer halb automatischen Beretta Shotgun für 529,83 Dollar erlegen wollen und welches mit einer Pumpgun für 349,87 Dollar?

Anders als nach dem Massaker an der Columbine High School 1999 gab es diesmal im Kongress keinerlei Debatte über striktere Waffengesetze. Die Demokraten halten still. Sie erinnern sich an Al Gores Wahldebakel des Jahres 2000.

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Damals gingen West Virginia, Tennessee und Arkansas verloren - weil die Demokraten es sich mit Waffenfreunden verdorben hätten, glauben Parteistrategen heute. Jetzt geben sich die Demokraten waffenmäßig moderat.

Sie wollen niemanden verärgern, nicht mal, wenn der Sniper umgeht.

Nur eine demokratische Kandidatin hat ihren Kurs korrigiert. Sie will Governeurin von Maryland werden, dort also, wo in diesen Tagen die Menschen in Angst und Schrecken leben. Die Frau heißt Kathleen Kennedy Townsend, ist die Tochter des ermordeten Justizministers Robert F. Kennedy und weiß deshalb, was Waffen in Privatbesitz anrichten können. Bis zur vergangenen Woche sprach sie nicht über neue Waffengesetze. Jetzt hofft sie, dass die Angst vor dem Beltway Sniper sie ins Amt trägt. Seit ein paar Tagen greift sie ihren republikanischen Gegenkandidaten wegen dessen Glauben an unumschränkte Waffenfreiheit an. Ihr Widersacher nennt Kennedys Taktik "schändlich". Eine solche Tragödie solle man "nicht politisieren".

Genauso denkt auch Justizminister John Ashcroft, ein Waffennarr und Christenmensch. Während seiner Amtszeit wurden die laxen Kontrollen für Waffenverkäufer weiter verwässert. Und dem Verfassungsgericht hat er jüngst einen Schriftsatz vorgelegt, der das Recht, Waffen zu tragen, weiter auslegt als jede frühere Regierung. Vergangene Woche hat ebenjener Justizminister Ashcroft übrigens beim ermittelnden Polizeichef von Montgomery County angerufen und seine Abscheu über die Mordserie bekundet. Was immer der Polizeichef von der Bundesregierung für die Ermittlung brauche, sagte der Justiminister, könne er haben: "Sie müssen mich nur anrufen."

Das scheint geschehen zu sein. Inzwischen sieht Washington D. C. aus wie eine Bürgerkriegszone.