Kürzlich meldeten die Zeitungen, dass fünf marokkanische Flüchtlinge auf dem Weg nach Spanien in einem Kühltransporter zwischen Bohnenkisten erstickten.

In Maxim Billers erstem Theaterstück Kühltransport ersticken 58 chinesische Flüchtlinge auf dem Weg nach England in einem Frachtcontainer voller Tomaten.

Auch darüber konnte man vor zwei Jahren in der Zeitung lesen. Biller befreit in seinem Stück, das im Staatstheater Mainz uraufgeführt wurde, vier der Chinesen aus der anonymen Masse und gibt ihnen ein Leben vor dem Tod. Vier Chinesen, die womöglich bloß das Glück suchten. In Rück- und Vorblicken zeichnet das Stück ihr Leben nach. Mit brutaler Wucht, trauriger Emphase, schräger Komik und langem Atem erzählt Biller von Menschen, die sich deportieren lassen, auch weil sie darauf hoffen, anderswo sie selbst zu sein.

Diejenigen, die sonst nicht zu Wort kommen, dürfen hier ausführlich reden.

"Hier ist doch keiner freiwillig", sagt einer der Chinesen im Container. Das zu begreifen, lehrt das Stück. Der Regisseur Wulf Twiehaus klammert sich ans Textbuch und leuchtet den Flüchtlingen ins Gesicht: Khai, Lu, Wang und Cheng, vier Chinesen ohne Pass. In der Bühnenmitte thront der Container, der sie verschluckt. Über der Bühne tickert ein Laufband mit bösen Börsenkursen, eine Weltkarte dient als drohende Kulisse. Zwei pausenlose Stunden lang sehen wir Szenen einer Flucht, beäugen Menschenschmuggler wie Mafiabosse und hören von Todesangst. Einen Theaterabend lang schauen wir betroffen. Doch schon am nächsten Morgen ist der Containerinhalt vergessen. Übrig bleibt ein vages Gefühl.