die zeit: Sie organisieren Multimediastammtische in Berlin und Hamburg. Sind das in diesen Zeiten der Krise am Neuen Markt Treffpunkte für Beschäftigte oder für Arbeitslose?

Meike Jäger: Für alle, die noch Arbeit haben, genauso wie für die Entlassenen. Die Stammtische sollen eine Plattform zur Information, Vernetzung und zum gemeinsamen Lobbying bieten. Als ich vor zwei Jahren begann, für connexx-av einen solchen Multimediastammtisch in Hamburg zu etablieren, ging es auch darum, als Gewerkschafter überhaupt an die Leute aus der Online-Branche heranzukommen. Wir wollten Betriebsräte installieren und ein Forum sein, das Fragen beantwortet, Kontakte herstellt, Kooperationen ermöglicht. Das hat in Hamburg sehr schnell und gut funktioniert, der Stammtisch ist für viele Onliner inzwischen zu einem festen Termin geworden.

zeit: Eignen sich die Stammtische auch als Jobbörse für Arbeitslose?

Jäger: Das war mal eine meiner ursprünglichen Visionen - dass die Stammtische einen Austausch ermöglichen könnten: Wo wird gerade eine Stelle frei, bei welchen Firmen lohnt sich eine Bewerbung? So richtig hat das aber leider nie funktioniert. Andererseits kommt auch niemand zu einem Stammtisch, bei dem er nur frustrierte Menschen trifft. Trotzdem gibt man sich Tipps und verschafft sich Kontakte - soweit das möglich ist. Es gibt einfach zu wenig offene Stellen im Moment.

zeit: Steht den krisengeschüttelten Onlinern dann überhaupt noch der Sinn nach Austausch?

Jäger: Da gibt es große Unterschiede zwischen Hamburg und Berlin. In Hamburg läuft es gut. In Berlin erweist es sich als ungeheuer schwierig, die jungen Leute mit ins Boot zu holen, wobei wir überhaupt nicht auf Mitgliedschaft oder sonstige Gewerkschaftsaktivitäten aus sind. Wir sind offen für alle.

Aber die Stimmung verschlechtert sich spürbar. Vor zwei, drei Monaten war noch so ein Hauch von Solidarisierung zu erkennen. Die Leute verbündeten sich, rückten enger zusammen. Doch viele haben schnell gemerkt, dass es wenig nützt, die nächste Entlassungswelle kam ja trotzdem. Zuerst dachten die meisten, gut, dann suche ich mir eben einen neuen Job, gehe vielleicht in eine andere Branche. Aber wer sich in Richtung Printmedien oder Werbung orientierte, spürte schnell, dass diese Branchen inzwischen ja genauso von der Krise gebeutelt sind. Viele hängen jetzt in der Luft, die Desillusionierung ist sehr groß.