Auf der Autobahn 2 ist es, in Richtung Hannover, vor der Ausfahrt Wunstorf-Kolenfeld. Es geht bergab, der Horizont liegt niedrig, auf der linken Straßenseite reißt der Wald auf und gibt den Blick frei auf das Geschachtel der Felder. Ja, denkt man, das ist jetzt Norddeutschland, bis zur Nordsee kommt nichts mehr außer Land und Wolken.

Doch dann steht da, im Blau der Ferne, dieses Ding. Eine Silhouette, starr, still, riesig, als hätte ein Heer von Kulissenschiebern sie am Horizont angelehnt. Wie ein Vulkan sieht sie aus, wie der Rücken eines Wales, wie ein gigantischer Maulwurfhügel, wie der Ayers Rock und doch wie nichts von alldem.

Ratlos könnte man die Silhouette Silhouette sein lassen und weiterfahren auf der Autobahn. Die Silhouette würde noch einige Zeit am Horizont mitwandern wie ein fernes Gebirge, würde zurückfallen, schrumpfen, verschwinden. Ja, man könnte weiterfahren wie 90 000 Autos jeden Tag. Dann würde man vorbeirasen an einem Ort, an dem ein Sportplatz umziehen musste, an dem die Suppe im Teller zittert, an dem auf dem Friedhof die Blumen verrecken, an dem ein ganzes Haus verschwand.

Tom Fecht fuhr ab. Fecht ist Fotograf und hat einen besonderen Sinn für Silhouetten. Vor einem Jahr war es, da sah er sie am Horizont. Er nahm die Ausfahrt und fuhr über die Kolenfelder Straße nach Norden, durch den Raps der Silhouette entgegen, kam in das Dorf Bokeloh, stieg aus und stand an einem Ort, an dem es mitten auf dem Land nach Meer roch. An dem es auf den Lippen auch nach Meer schmeckte. Der Geruch, der Geschmack, sie gehörten nicht in diese Gegend. So wie auch das Bild nicht, das der Fotograf sah, der wusste, dass er hier richtig war: am Fuß einer riesigen, weiß-grauen Halde, die ihren Schatten auf ein Bergwerk aus Backstein warf, auf das Dorf, das sich duckte, und auf ihn, der stand und staunte.

Einen Monat später standen zwei Autos im Salz. Fecht sollte einen Kalender für BMW fotografieren, deshalb war er zur Halde gefahren, deren Umriss er von der Autobahn kannte. Nun war er zurückgekommen, mit den Autos und einem Kran.

Er ließ die Wagen auf die Ausläufer der Halde heben. Wie Spielzeuge wirkten sie. Fecht wartete. Einen Tag, zwei Tage, durchdrungen vom Gedröhn dunkler Militärflugzeuge, die immer wieder über die Halde zogen. Am dritten Tag war ein dramatischer Himmel über ihm, ein schneller Wechsel aus Licht und Schatten. Der Fotograf stand gebeugt auf dem Kran, schaute durch den Sucher, dann - für zwei, drei Sekunden nur - spiegelte sich die Sonne myriadenfach im Salz, Fecht machte sein Foto, Blende 45, eine Dreißigstelsekunde auf 8 mal 10 Inch, und er wusste: Das war's.

Ich hatte ein Bild von Einsamkeit. Es hatte die Qualität von Wüste, von Askese.