Manch einer denkt bei "1 : 1" an Fußball. Ein anderer an etwas Maßstabsgetreues. Oliver denkt an sich. An sich und seinen Dozenten. "1 : 1" - das bedeutet für ihn auch nicht Ausgeglichenheit. Es steht eher für Distanz unter Ungleichen. "Ich sitze hier als Student mit wenig Ahnung, da vorne steht er als Dozent, der über sein Wissensgebiet spricht." Oliver Sens-Schönfelder ist ein Freund nüchterner Betrachtungsweisen. Da macht er für eine Ausnahmesituation keine Ausnahme. Norbert Schindler ist von ähnlichem Kaliber: "Man hat sich begrüßt, dann die Veranstaltung abgehalten, dann hat man sich verabschiedet."

Teilnahmslos reden so ein Magdeburger Student und sein Dozent über eine Vorlesung, in der sie sich ein Semester lang gegenübergesessen haben. Nicht von Mensch am Pult zu Mensch in Masse. Nein, Auge in Auge, tête-à-tête, 1 : 1. Vakuumphysik I lautete das Thema. Nichts Ungewöhnliches an einer Universität, die den Namen Otto von Guerickes trägt. Aber nur Oliver hat die Vorlesung besucht, einer von 9229 Magdeburger Studenten. So war das nicht gedacht - und ein traumhaftes Betreuungsverhältnis war auch nur auf den ersten Blick gegeben.

Als Oliver sich 1996 für das Lehramt an berufsbildenden Schulen einschrieb, wählte er eine seltene Kombination: Bautechnik und Physik. Von dem Trio, das sich damals für diese Fächer entschied, war nach sechs Semestern nur noch Oliver übrig. "Gewerbliche Fachrichtungen sind bei den Studenten wenig gefragt", sagt Bärbel Schröder, wissenschaftliche Leiterin des Praktikumsbüros. "Zu wenig, wenn man bedenkt, wie viele draußen gesucht werden."

Draußen an den Berufsschulen gehen bis 2015 rund 65 000 Lehrer in Pension.

Daher unterstützt die Uni die berufsschulwilligen Studenten und das Kultusministerium die Uni. Eine "1 : 1-Situation" nehme man in Kauf, damit das Studium des Einzelnen nicht verlängert werde, sagt Berufspädagogik-Professor Reinhardt Bader. "Aber diese Betreuung ist nicht gewollt."

Oliver Sens-Schönfelder ist sie gewohnt. Der 27-Jährige hat ihre guten Seiten kennen gelernt. Mit einem Pfeife rauchenden Professor in dessen mit Grünpflanzen ausstaffierten Büro. Da konnte Oliver mit seinen Sandalen und den ausgewaschenen Blue Jeans an der Sekretärin vorbei reinlaufen, wenn sein Privatlehrer noch auf sich warten ließ. Auch war er eine Sorge los: Kein Schein zum Abschluss? Kein Thema! "Sogar partnerschaftlich" könne so ein Verhältnis sein, meint auch Professor Bader. "Ein individuelles Lerntempo ist möglich, man kann auf Interessen eingehen."

Kinetische Gastheorie