Ein Traum ist für mich die idealisierte Version einer nicht einfach zu realisierenden Realität. Ich habe immer danach gelebt, meinen Träumen so nahe wie möglich zu sein. Ich stehe zwar mit beiden Beinen auf der Erde, bin aber gleichzeitig - wie es in dem Rückert-Lied von Gustav Mahler heißt - der Welt abhanden gekommen. Merkwürdigerweise träume ich nur ganz früh am Morgen - in der Nacht träume ich nicht oder nur ganz selten. Träume sind Momente, in denen ich Elfen an mir vorbeischweben sehe wie auf einem Böcklin-Bild oder in einem romantischen Ballett. Zwar sind Elfen nur Klischeebilder aus der romantischen Malerei und der Märchenillustration. Dennoch liebe ich diese Bilder. Das Geheimnisvolle ist, dass man beim Träumen nicht reden kann. Das ist gut, denn Geschwätzigkeit würde das Mysterium töten.

Meine besten Träume sind auch die, die nichts mit dem zu tun haben, was ich kurz vor dem Einschlafen noch gedacht habe. Meine besten Kollektionen, die ich beispielsweise je gemacht habe, sind die, die ich im Morgengrauen im Traum gesehen und nach dem Aufwachen direkt aufgezeichnet habe. Ich kann mich genau an die Idee erinnern, sehr präzise sogar, aber nur wenn ich sofort aufstehe. Manchmal habe ich das Dekor in allen Einzelheiten geträumt. Das beweist doch, dass mir mein Beruf sehr tief nicht nur in den Knochen, sondern auch im Unterbewusstsein steckt. Solche Ideen kann man nicht bestellen. Man kann nicht sagen: Morgen früh hätte ich gern eine Idee, und dann kommt sie einfach. Sie kommen, wann sie kommen wollen. Das kann man gemein nennen oder ungerecht: Aber Ideen und auch Träume leben ihr eigenes Leben und sind so unabhängig von einem wie eine bestimmte Schöpferkraft, die mal stark ist und mal schwach. Jemand hat einmal gesagt: Mit Träumen beginnt die Realität.

Das ist kein schlechter Gedanke. Zu sagen: Ich habe einen Traum, und dies als einen Moment zu beschreiben, der vom realen Leben abgekoppelt ist, betrachte ich als Unsinn.

Bereits als Kind hatte ich eine Vision von dem, was ich später mal machen würde. Mein Traum ist, diese kindhafte Illusion nicht zu verlieren. Präzis gesagt: Ich habe den Traum, niemals stehen zu bleiben, mich niemals selbst zu zitieren, niemals das Gleiche zu machen, immer neue Ansätze zu finden, um niemals sagen müssen: Karl, du wiederholst dich nur noch, du bist am Ende.

Mit zwölf Jahren kann man natürlich noch nicht genau sagen, wohin der Wind einen wehen wird. Die Welt ändert sich ständig. Es gibt heute Erfindungen, Dinge und Umstände, die meine Kinderwelt damals nicht beeinflussen konnten.

Aber irgendwie habe ich genau gewusst, was ich wollte, was ich kriegen könnte. Und ich ahnte, welches Leben ich auf keinen Fall führen würde, was ich nicht bekommen könnte und auch nicht möchte. Für mich gehört zum Träumen, dass man sich bemüht, seinem Traum so nahe wie möglich zu kommen.

Also wollte ich als Kind nie so sein wie meine Kameraden in der Schule. In der Schule sagte einmal ein Lehrer zu mir: Du hast zu lange Haare. Ich antwortete ihm nicht, denn ich konnte ja machen, was ich wollte. Vor allem hatten alle Schüler in Norddeutschland damals kurz geschorenes, blondes Haar und Muttigestricktes am Leib. Ich dagegen hatte einen Schlipskragen und lange gelockte Haare. Eines Tages traf meine Mutter diesen Lehrer auf der Straße, und er sagte zu ihr: Ah, Frau Lagerfeld, ich wollte Sie bitten, Ihrem Sohn doch einmal zu sagen, er solle sich die Haare abschneiden. Da hat meine Mutter den Schlips von dem Mann genommen und ihn gefragt: Sind Sie noch Nazi? Ich trug exzentrische Klamotten, spielte nie in Pfützen oder trieb mich nie auf schmutzigen Hinterhöfen herum. Wenn sich meine Mitschüler dreckig machten, saß ich zu Hause in meinem barock eingerichteten Zimmer und zeichnete. Ich roch gut, denn ich liebte Parfum. Man kann das kindliche, selbst gewählte Einsamkeit nennen, ich nannte es: meinen Träumen nachhängen.