Sage einer, der Kanzler sei nicht für Überraschungen gut. Wer geglaubt hatte, er wolle mit seinem alten, nicht gerade strahlenden Kabinett die zweite rot-grüne Koalition eröffnen, sieht sich getäuscht. Schröder hat ein umfassendes Revirement vorgenommen - und dabei selbst eine herbe Überraschung erlebt: Der Leipziger Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee widersetzte sich hartnäckig all seinem Werben.

So platzte des Kanzlers zweiter großer Kabinettscoup nach der Berufung Wolfgang Clements. Weil aber die Genossen aus dem Osten den Wahlerfolg zu einem guten Teil für sich reklamierten und auf Belohnung drängten, nahm sich Schröder kurzerhand einen anderen zum Superminister für Bauen, Verkehr und die Belange des Ostens: Manfred Stolpe. Der langjährige Ministerpräsident, der in Potsdam gerade einem Jüngeren Platz gemacht hat, ist zwar kein Zukunftssignal. An Ansehen und Autorität in den neuen Ländern mangelt es ihm dennoch nicht. Als Familienministerin kehrt Renate Schmidt in die Bundespolitik zurück. Die Staatssekretärin im Innenministerium Brigitte Zypries soll Justizministerin werden. Ulla Schmidt darf das Gesundheitsressort, um die Zuständigkeit für Rente erweitert, behalten.

Doch der bestimmende personelle Schachzug des Kanzlers bleibt die Berufung Clements. Schon sein Gestus passt bestens zur Problemlage. Immer wirkt der Nordrhein-Westfale, als käme er ein wenig zu spät in die Ämter und zu den Aufgaben, die er dann mit umso größerer Energie angehen will. Clement hat einfach keine Zeit zu verlieren - so wie die Koalition insgesamt, wenn sie ihre zweite Chance nutzen will. Dass man jedoch, selbst mit berserkerhaftem Auftreten, nicht nur Erfolge feiert, hat Clement auch in Düsseldorf erlebt.

Auf ihm lastet dennoch ein enormer Erwartungsdruck. Und die Regierung kann nur hoffen, dass an den Filzvorwürfen aus NRW nichts dran ist, die Clements spektakulären Berliner Einstieg ein wenig eintrüben.

Für Hans Eichel, der sich bislang als der Mann hinter Schröder fühlen durfte, geht Clements Wechsel mit einem herben Bedeutungsverlust einher.

Möglicherweise handelt es sich dabei um einen vom Kanzler beabsichtigten Nebeneffekt, zumal der Finanzminister in der Vergangenheit nicht immer verbergen konnte, dass er sich durchaus zu Höherem berufen fühlte. Nun sinkt sein Stern - nicht nur, weil Clement wirklich das "Alpha-Tier" ist, das Eichel eher zu sein beanspruchte. Wichtiger noch ist die sanfte Abkehr von seinem Konsolidierungskurs unter dem Motto "Flexibilisierung", die den Nimbus des Finanzministers schmälert. Er war es, der nach Lafontaines Abgang im März 99 die neue Leitmelodie der Koalition vorgab. Sie wird nun leiser.

Dafür bleibt Otto Schily, was er war: der ruhende Pol im Kabinett. Zusammen mit Clement und Fischer bildet er das starke Trio, das der Kanzler, der sich in der Vergangenheit schon manchmal etwas einsam vorkam, nun um sich versammelt hat. Und auch Eichel ist ja nicht weg, nur eben nicht mehr ganz vorne dabei, dafür aber weiter in der Schlüsselposition des Schatzmeisters.