Ich habe mich immer gefragt, warum London kein richtiges Nachtleben hat. Ab 11 Uhr abends werden die Massen unsichtbar und die Straßen leer und still.

Ich hatte immer ganz naiv angenommen, dass sie sich dann in ihre vier Wände zurückziehen, um fernzusehen und sich dem Sex zu widmen, meistens gleichzeitig, aber jetzt stellt sich heraus, dass sie alle damit beschäftigt sind, ihre Tagebücher zu schreiben. Die Berühmten unter ihnen veröffentlichen sie dann in Buchform oder in der Zeitung, was wiederum uns anderen etwas liefert, worüber wir reden und sogar in unseren Tagebüchern schreiben können.

In letzter Zeit kamen alle großen Tagebuchenthüllungen von den Tories, sodass der derzeitige Vorsitzende Iain Duncan Smith sich schon beklagte, Stimmen aus der Vergangenheit würden seine Anstrengungen zunichte machen, die Partei vor dem bevorstehenden Untergang zu retten. Die prominenteste Stimme aus der Vergangenheit gehört einer kleinen, energischen Brünetten mit dem unwahrscheinlichen, aber echten Namen Edwina Currie. Man meinte, sie hätte den Zenit ihres politischen Ruhms schon in den Achtzigern erreicht, als sie in ihrem Amt als Gesundheitsministerin die britischen Eierproduzenten in den Ruin trieb, indem sie verkündete, die meisten britischen Eier seien salmonellenverseucht. Dieser Skandal zwang sie, sich aus der Politik zurückzuziehen, um kurz darauf als Romanautorin wiederaufzuerstehen. Doch der publizistische Durchbruch gelang ihr erst jetzt, mit dem Vorabdruck ihrer Tagebücher in der Times, in denen enthüllt wird, dass sie vier Jahre die leidenschaftliche Geliebte des früheren Premierministers Major war.

Die Frau von Jeffrey Archer, dem millionenschweren Romancier, der ebenfalls früher ein prominenter Tory war und derzeit eine vierjährige Haftstrafe wegen Meineids absitzt, kann das gar nicht beeindrucken. Mrs. Archer (die trotz seiner vielen Affären immer zu Mr. Archer gehalten hat) ließ verlauten, Mr.

Majors Verhältnis mit Edwina Currie sei vor allem eine schlimme Geschmacksverirrung gewesen. Das ganze Land ist entzückt, wahrscheinlich weil es mal eine Pause braucht von der Ernsthaftigkeit seiner Jäger- und Pazifistendemos. Während Jeffrey Archer gleich den Beweis liefert, dass sich kein richtiger Engländer das Tagebuchschreiben abgewöhnen kann, nicht mal hinter Gittern: Er veröffentlichte gerade sein Tagebuch aus dem Gefängnis, in dem er seine Erfahrungen in britischen Haftanstalten beschreibt. Darin beklagt er unter anderem, dass seine Kleidung ihm nicht richtig passe und dass seine Mitinsassen Kriminelle seien.

Experten sagen, diese Enthüllungen, also die der Currie, würden die Historiker dazu zwingen, die britische Geschichte neu zu schreiben, neu zu denken. Anders als die Hitler-Tagebücher sind die von Edwina echt, und daher wissen wir nun ganz sicher, dass John Major genauso ein Frauenschwarm war wie Bill Clinton. Ihre derzeitigen Nachfolger Blair und Bush sind anders: Ihre Liebesaffäre ist weder ein Geheimnis noch eine Leidenschaft. Nur eine Art, die Geschicke der Welt zu lenken. Wenn sie's nicht vermasseln, kriegen wir ihre Tagebücher irgendwann auch noch zu lesen.

Aus dem Englischen von Frank Heibert. Von Elena Lappin erschien zuletzt Natashas Nase Nächste Woche schreibt an dieser Stelle: Juli Zeh