Dass der Anruf aus Hamburg kam, erkannte sie am Tonfall. "Frau Fritsch, Ihr Ding ist hier der absolute Renner!", jubelte ein hanseatischer Buchhändler am anderen Ende der Leitung. Noch am selben Tag hat Ute Fritsch ein dickes Bücherpaket zur Post getragen und nach Hamburg geschickt. Absender: der Verlag Jena 1800, zu finden in einer Altbauwohnung über den Dächern des Prenzlauer Bergs in Berlin. Hier entstand der Stadtführer Literarisches Hamburg, der 99 Künstler mit ihren Wohnorten und Wirkungsstätten präsentiert.

In welchem Hotel traf Gottfried Benn seine junge Geliebte? In welchem Plattenstudio machten John Lennon und die Beatles ihre ersten Aufnahmen? Die Antworten liefert das schmale, blau eingefasste Buch.

"Als ich 1997 den Verlag gegründet habe, war mir nicht klar, dass ich mit den literarischen Stadtführern eine Marktlücke getroffen habe", erzählt die 35-Jährige. Und noch vor ein paar Wochen konnte sie auch nicht ahnen, dass ausgerechnet das zehnte Buch ihrer Reihe, Hamburg, ein Verkaufsschlager werden würde. Wieder einmal war Ute Fritsch mit dem Auto in eine fremde Stadt gefahren, den Kofferraum voller Bücher, um für ihr Produkt zu werben. Die obligatorische Vertriebstour, wie sie bei jeder Neuerscheinung fällig wird - zehn oder zwölf Verkaufsgespräche am Tag sind dabei durchaus normal. "Vor einem Jahr in München haben die Buchhandlungen immer gleich 10 oder 20 Exemplare geordert", erzählt sie.

Techno für den Pastor

Anders in Hamburg. Mal verkaufte Fritsch fünf Bücher, mal nur drei. Es gab viel Lob fürs Produkt - und viel Frust bei den Buchhändlern. Die Rezession.

"Nach drei Tagen war ich psychisch am Boden. Dachte, ich schaffe die Deckungsauflage nicht." Ein verlegerischer Albtraum, denn erst wenn die Deckungsauflage verkauft ist, bringt ein Buch dem Verlag Gewinn. Bei Kleinverlegern sind die Kalkulationen meist so knapp, dass schon ein einziger Ladenhüter eine Firma an den Rand der Pleite bringen kann.

Sechs Wochen später knallten im Verlag Jena 1800 die Sektkorken. Die Deckungsauflage war erreicht, Buchhandlungen orderten Nachschub. In Berlin wurden Kisten gepackt und Rechnungen geschrieben. Ute Fritsch beschloss, einer Praktikantin eine feste Stelle anzubieten, zum ersten Mal. Schon stehen die nächsten Projekte an: zwei Neuerscheinungen noch in diesem Jahr. Bis zur Buchmesse im Oktober soll alles fertig sein, kaum Zeit, um Hunderte von Texten zu lektorieren, Grafiken anfertigen zu lassen, fertige Layouts zu prüfen.