Auch wenn der Fall Jan Hendrik Schön die wissenschaftliche Gemeinde schockiert, ist er nicht so singulär, wie die Feststellung Rauners vermuten lässt, dass sich in der Physik niemand "an einen Fälschungsfall dieser Größenordnung erinnert". Ein Blick auf die in der heutigen Physikausbildung leider viel zu kurz kommende Physikgeschichte relativiert den vermeintlichen Superlativ schnell. Abgesehen vom spektakulären Grenzfall der "Cold Fusion" in den späten achtziger Jahren, haben auch schon davor zahlreiche Physiker am Mythos vom beispielhaften und unbeschädigten wissenschaftlichen Ethos des Fachs "gekratzt". Zwei Beispiele:

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte der französische Physiker René Prosper Blondot (1849 bis 1930) den Nachweis so genannter N-Strahlen verkündet, darüber in mehreren Artikeln - die auch von Gutachtern "abgesegnet" worden waren - in den renommierten Comptes Rendus der Französischen Akademie publiziert und damit zahlreiche (auch berühmte) Fachkollegen für seine Entdeckung eingenommen. Trotz intensiver Bemühungen konnten aber führende Strahlungsphysiker, wie zum Beispiel H. Rubens in Berlin, die spektakuläre Entdeckung nicht bestätigen, und der amerikanische Physiker R. W. Wood wies schließlich den Schwindel nach einem Besuch im Blondotschen Labor endgültig nach.

Der andere Fall ist Emil Rupp, Physiker im angesehenen AEG-Forschungslabor in Berlin. Dieser hatte sich in einen wahren Schaffensrausch gesteigert und zwischen 1929 und 1934 die damals erstaunliche Zahl von über 40 Publikationen vorgelegt, vor allem zum Problemkreis der Elektronenbeugung. Nachdem Kollegen Fälschungen von Messresultaten auf die Spur gekommen waren und die Konzernleitung den Skandal nicht mehr unter der Decke halten konnte, wurde Rupp veranlasst, 1935 fünf Publikationen öffentlich zurückzuziehen. Obwohl sein Verhalten mittels medizinischen Gutachtens als krankhafte Bewusstseinsspaltung quasi entschuldigt wurde (vor allem wohl um Rupps Vorgesetzte aus der Schusslinie zu nehmen), war seine wissenschaftliche Karriere dennoch beendet - ganz im Gegensatz zu seinem französischen Kollegen Blondot, der bis zu seinem Tode unbelehrbar und Physikprofessor geblieben war. Für viele Jahre wurde insbesondere unter deutschen Physikern das Wort "geruppt" zum Synonym für fragwürdige oder gar vorgetäuschte Resultate.

Dr. Dieter Hoffmann, Berlin Max-Planck-Inst. f.Wissenschaftsgeschichte