Bis zu jenem Tag im Juni hatte sich Jens Pottharst nicht allzu viele Gedanken um seine Zukunft gemacht. "Ich gehöre ja zu einer Generation, bei der alles so unheimlich glatt ging", sagt er. Schule, Abitur, Zivildienst, Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, ein Jahr davon in Glasgow, Examen in Kiel und dann Journalistenschule in München. Praktikum bei den Berliner Seiten und das Angebot, dabeizubleiben. "Das kam in einem Moment, als ich noch keine einzige Bewerbung getippt hatte. Es war ein traumhafter Anfang", sagt er. Er hat sich nie Illusionen gemacht, in zwei Jahren vielleicht zum Redakteur mit Dienstwagen aufgestiegen zu sein.

Aber Jens Pottharst wähnte sich sicher. Er hatte ein vertraglich geregeltes festes Einkommen, eine kleine Wohnung, ging jeden Tag in die Redaktion und schrieb über vieles, was man nur in Berlin erleben konnte. Als Pauschalist war er nicht an die Zeitung gebunden, aber er knüpfte das Band ganz freiwillig sehr eng. "Das war auf jeden Fall ein Stück Bequemlichkeit. Ich wollte mich erst mal festigen, mich in Berlin einleben, hatte mir aber vorgenommen, mir noch ein, zwei andere Auftraggeber zu suchen." Ein Aus der Berliner Seiten kam in seinen Plänen nicht vor. "Ich dachte immer, wenn es einer schafft, ein solch ambitioniertes Projekt durchzuziehen, dann die FAZ."

Eine Täuschung. Einreihen in die "Schlange der um Aufträge bettelnden arbeitslosen Redakteure und Journalisten vor den Redakteursbüros" wollte sich Pottharst auf keinen Fall. Ohne FAZ wirkte die Stadt für ihn noch uferloser als zuvor. Er wusste, dass sich zu viele arbeitslose Journalisten auf dem Berliner Markt die Ellenbogen in die Rippen stießen. Allein der Gedanke tat weh. Pottharst wäre auch zurück in den Schwarzwald gegangen, um wieder Lokalreporter zu sein. So fing er schließlich mal an. Um sein "Seelenheil" ging es ihm, sagt er. Weil er sich nicht mehr ausliefern, nicht der nächsten Pleite in die Arme laufen wollte. Sicherheit gibt es in diesen Tagen für Journalisten und Redakteure nirgendwo. Das hatte er gelernt.

Deshalb steht jetzt auf seiner Visitenkarte "Jens Pottharst, Öffentlichkeitsarbeit". "Vorübergehend", wie er sagt. Sein Vertrag läuft über 18 Monate. Eine gute Zeit, um den Markt für Journalisten aus ökonomisch sicherer Position zu beobachten und dann zu entscheiden, ob sich der Schritt zurück in den Journalismus lohnt.

Jetzt schreibt er also Pressemitteilungen, ist für die Finanzberichterstattung von Jenoptik zuständig und wird sich journalistisch ein klein wenig austoben können, wenn das Mitarbeitermagazin produziert wird.

Ansonsten gibt er jetzt anderen Journalisten Auskunft und nicht mehr seinen Lesern. "Ich verstehe mich nach wie vor als dienender Mensch. Im Moment hat sich nur mein Kundenkreis etwas verschoben", sagt Pottharst. Über schlechte Journalisten kann er sich richtig ärgern. "Die treiben mit ihrer fehlerhaften Berichterstattung dann ganz schnell mal den Aktienkurs in die Tiefe und vernichten etliche Millionen Euro Kapital!" Jens Pottharst ist angekommen.

Sein Name steht bald an einer Bürotür im zweiten Stock des Jenoptik-Hochhauses. 270 Kilometer weit weg von Berlin. Und nicht mehr in der Zeitung.