Max wird im Gymnasium eingeschult. Klar, dass sich seine Mutter Martina Knobloch freinimmt an diesem Tag. Wenn auch mit schlechtem Gewissen. Weil die Fachärztin für Gynäkologie am Böblinger Kreiskrankenhaus weiß, dass wieder Arbeit liegen bleibt: Krankenberichte und Arztbriefe diktieren, Therapiestudien dokumentieren. Obwohl sie bei ihrem Rund-um-die-Uhr-Dienst am Wochenende, nachts, als es ruhig war im Kreißsaal, stundenlang Formulare ausgefüllt hat, quillt drei Tage später der Schreibtisch schon wieder über.

"Verwaltungskram, wahnsinnig zeitaufwändig."

Mit dem Freizeitausgleich kann die 39-jährige Ärztin aus Tübingen nur einen Bruchteil ihrer Überstunden abbauen. Trotzdem überlegt sie, ob sie nachmittags noch für ein oder zwei Stunden ins Krankenhaus fährt. Davon aber will die fünfjährige Tochter Marie nichts wissen, beharrt darauf, dass sie von der Mutter vom Kindergarten abgeholt wird. "Wenn wir über etwas streiten, dann über Martinas Job", setzt ihr Mann erklärend hinzu. Aber, er will nicht klagen, es sei viel besser geworden. Und wenn seine Frau nach dem Nachtdienst erst um zwölf Uhr mittags statt zum Frühstück um halb neun nach Hause kommt, nimmt er das gelassen.

Die beruflichen Aufstiegschancen einer Ärztin sind lausig, die Arbeitsbedingungen alles andere als familienfreundlich. Trotzdem steht "Ärztin" laut Umfragen auf dem zweiten Platz der Hitliste der Traumberufe junger Mädchen. Seit Jahren steigt die Zahl der Medizinstudentinnen, 62 Prozent der Medizin-Studienanfänger im Wintersemester 2000/2001 waren weiblich.

Nach dem Examen wird die Karriere neu überdacht, gut ein Drittel der frisch gebackenen Ärzte pfeift inzwischen auf den Job in der Klinik, wandert ab in die Industrie, orientiert sich berufsfremd. Um nach der Ärzteschwemme den drohenden Ärztemangel aufzuhalten, befasste sich der 105. Ärztetag im vergangenen Juni nun mit dem Frauenpotenzial. Predigte einen Paradigmenwechsel: Das Begriffspaar Ärztin oder Familie müsse endlich ersetzt werden durch Ärztin und Familie.

Neue Arbeitszeitmodelle für Ärztinnen werden propagiert, Jobsharing und Strukturen, die eine berufliche Weiterbildung auf Teilzeitstellen sowie eine sichere Kinderbetreuung an Kliniken ermöglichen. Der Marburger Bund hat ein Mentorenprojekt initiiert, das Ärztinnen in ihrer Karriere fördert, er verlangt die Einführung von Frauenförderplänen und die Schaffung neuer Stellen durch den Abbau von Überstunden.

Martina Knobloch absolvierte den größten Teil ihrer Assistentenzeit in Vollzeit. "Ich weiß nicht, wie wir's geschafft haben", sagt sie rückblickend.