"Einspruch", erwidert der sonnenbebrillte Moskauer Staatsanwalt, der schon den Tschetschenenführer Radujew hinter Gitter brachte. "Die Grenze vom Wort zur Tat ist längst überschritten." Hat Limonow, wie die 150 Seiten dicke Anklageschrift behauptet, also von einem "Partisanenstützpunkt" in der Republik Altaj zur Eroberung Kasachstans gerüstet? Zum Beweis schwenkt die Anklage ihre einzige Trophäe: sechs rostige Maschinengewehre, die Limonows Genossen in Saratow erwarben, angeblich auf Geheiß ihres Führers.

"Fälschungen, Widersprüche, Ungereimtheiten!", ruft Sergej Beljak. Zeugen der Verteidigung seien bedroht oder eingelocht, Dokumente vordatiert, Tonbänder manipuliert worden. Die Verkäufer der Gewehre, Parteigänger der faschistischen Rechtsnationalen Einheit, entkamen. Der Handel, auf Video gebannt, erfolgte unweit des Gebäudes des Geheimdienstes FSB. Wenig später warf ein gewaltiges Kommando der Moskauer FSB-Zentrale Limonow mit seinen Parteigenossen im Altaj-Gebirge telegen in den Schnee. Der Film über die Verhaftung lief gleich in der TV-Serie Kriminal. Dass sich in Limonows Feriendomizil nur Wollmützen, alte Hosen und Manuskripte fanden, blieb unerwähnt. Die Verhandlung wird vertagt.

Ortswechsel. Moskau, 2. Frunzenskaja, die Zentrale der Nationalbolschewiki, zugleich auch Redaktion der Parteizeitung Limonka im Kellergeschoss eines neunstöckigen Wohnhauses. Die Stufen zum "Bunker" sind uneben, glitschig, Limonow hat sie selbst gelegt. Was nützt dem Geheimdienst der Wirbel um einen masochistischen Selbstdarsteller, dessen Rollen und Masken, Polaroids demonstrativen Andersseins, auch so Legende sind: apolitischer Provinzpoet, der in Breschnews Moskau für die Boheme Hosen näht, Paria-Emigrant in den Siebzigern im kapitalistischen Schlund von Manhattan, Salondichter der Pariser Bourgeoisie in den Achtzigern, Karadzic-Freund Anfang der Neunziger, Stalin-Apologet und Shirinowskij-Kumpan im liberalen Jelzin-Russland, Weggä nger des Islam und Polygamist im orthodox-kleinbürgerlichen Russland Putins. Immerhin, seine letzte Rolle - der Dissident im Käfig - hat ihm und seiner Partei Aufwind beschert.

Der "Bunker", ein 350 Quadratmeter großes Kellerlabyrinth, dampft von Punks, Studenten, Girlies. Offene Gesichter, Lachen. "Wir sind Menschen der Ideen", sagt einer mit pechschwarzem Haarmopp, "bei uns haben alle Platz: Anarchisten, Faschisten, Skinheads. Wir suchen, was vereint." Für eine "Antikapitalismus-Demo" sind sie oft tagelang angereist. Rote Armbänder werden mit dem Parteiabzeichen - Hammer und Sichel auf weißem Kreis - verziert, Spruchbänder "Putin tritt ab" gepinselt. Noch ahnt die bunte Truppe nicht, dass sie nach der Demo von Omon-Einheiten blutig zusammengeschlagen werden wird. Ein Regal stellt Limonows neue Bücher aus

sieben hat er in der Haft geschrieben, zwei sind bereits erschienen. Die verbotene Zeitung Limonka pflastert Tische und Wände, sie wird jetzt mit altem Logo unter dem neuen Titel Generallinie erscheinen. In den "Aprilthesen" der Nummer 166 feiert Limonow, kurz vor seiner Verhaftung, die revolutionäre Tat von Lenin, Mussolini, Hitler bis zum Kaufhausbrand der RAF, auf der Titelseite der Nummer 203 bringt ein NBP-Aktivist unter den ermunternden Blicken Lenins und Stalins einem kleinen Jungen das Schießen bei.

Ein Verfahren wegen Ausweisung aus dem "Bunker" läuft bereits. "Wenn man uns das Letzte nimmt", sagt Limonows Stellvertreter Anatolij Tischin, ein im Leichenhaus jobbender Poet mit Halbglatze und traurigem Blick, "gehen wir, wie die RAF, in den Untergrund." Doch zunächst hofft man auf die offizielle Registrierung, die der 7000 Mitglieder zählenden Partei 1998 verweigert wurde. Der Weg ins Parlament war ihr damals versperrt, Koalitionen mit radikalen Parteien platzten, die ideologischen Köpfe, Künstler und Publizisten, desertierten. Die Chance, das Image der Konterkultur abzustreifen, sich gegen oligarchischen Kapitalismus und Restauration links zu positionieren, wurde vertan. Ohne ideologisches Rückgrat, mit irrationalem Aktionismus, schlingert die NBP durch den leeren Raum einer virtuellen Revolution.

Den gut bewachten Eingang des exklusiven Bürohauses der Jugendorganisation "Die Zusammengehenden" unweit des Taganka-Platzes schmückt ein weißes Schaumstoffklo. Kürzlich hatte die präsidentennahe Bewegung in zwei Bussen Jugendliche und Rentner rangekarrt und unter Trauerfanfaren vor dem Bolschoitheater die Bücher Wladimir Sorokins in dem Riesenklo versenkt. An den "Klassiker der marginalen russischen Literatur" erinnert eine schwarze Tafel mit goldenen Lettern. Ein junger Typ war bei der Aktion dabei: "Klar, dafür hab ich 300 Rubel gekriegt."