Im Himmelblauen Speck materialisiert Sorokin seine Metapher von der Literatur als Junkie-Futter: Klone der russischen Klassiker gebären beim Schreiben den hellblauen Stoff, um den sich Hitler, Stalin und Chruschtschow, die Troika eines deutsch-russischen Großreichs, balgen. "Die kollektiven Menschheitsträume der Literatur", sagt Sorokin, "sind lebendiger als Political Correctness und der gesunde Menschenverstand." Der jugendschöne 47-Jährige nimmt Platz an seinem Schreibtisch aus dem Nachlass eines Generals, neben sich einen Wotan-Speer. Sorokins literarische Parallelwelten, in letzter Zeit bewusst auf ein Massenpublikum zugeschnitten, zielen mit kaltem Kalkül auf Tabus, sie zerstören Geschichtslegenden und literarische Mythen und formen die obszönen Metaphern des Mainstreams zu provokanten Szenen. Der Volksmund sagt zu Chruschtschows Stalin-Demontage: "Chruschtschow hat Stalin durchgefickt", bei Sorokin wird aus der Phrase ein seitenlanger Analverkehr, der zugleich auf die verdeckte Symbiose von Totalitarismus und Liberalismus verweist. "In Russland", sagt Sorokin, "gibt es keinen Bezug zwischen Ideen und Dingen."

"Ich bin jetzt Spezialist für Pornografie!", ruft der Verleger

Ein Schlüsselsatz. Im orthodoxen Russland hatte der Marxismus immer auch transzendente Züge, der Kapitalismus war in den Neunzigern Utopieersatz.

Hinter all den Illusionen verblasste die Realität zur platonischen Schattenwelt, eine zu vernachlässigende, manipulierbare Größe. Gleichzeitig wussten die avancierten Geister immer schon, dass ihre schöne neue Welt nur aus Pappe ist. Jetzt benutzen sie die Ideenhülsen nur noch für virtuelle Spiele, hinter denen freilich konkrete merkantile und machtpolitische Interessen stehen. Die russische politische und kulturelle Szene ist wie eine Murmel, in der die strategisch-ideologischen Koalitionen in immer neuen Farbschlieren verlaufen

der schlichte Antagonismus von Westlern und Kommunisten gehört ins Museumsdepot. Da findet sich Limonow Zelle an Zelle mit dem ehemaligen Aeroflot-Direktor, einem Vasallen Boris Beresowskijs. Ihm, dem in Ungnade gefallenen, radikalliberalen Unternehmer, schickt die Limonka zarte Grüße ins Londoner Exil, während die liberale Intelligenzija für Limonow Bittgesuche schreibt. Sorokin, im Westen verhätschelt, wird von seinen einstigen liberalen Weggenossen zynischer Marktstrategien und des Nationalismus gescholten, weil er plötzlich wie ein Komet am Himmel des Putin-Regimes erscheint. Und Ad marginem, der Verlag von Limonow und Sorokin, veröffentlicht statt französischer Poststrukturalisten Alexander Prochanow, der einst dem sowjetischen Generalstab Dithyramben sang, mit den Putschisten gegen Jelzin kollaborierte und inzwischen mit seiner Zeitung Sawtra die nationalpatriotische Opposition anführt. Prochanows Politkrimi Herr Hexogen macht aus den Wohnhausexplosionen im Vorfeld des Tschetschenienkriegs und der Inthronisation Putins einen fantastisch-verbrecherischen Geheimdienstcoup.

"Herr Hexogen ist beste halluzinatorische Prosa, ein psychedelisches Delirium", sagt Alexander Iwanow, Prochanows Verleger. In seinem Büro kämpft ein verstaubter Ventilator auf einem Buchstapel gegen den Rauch, zwischen Koffern und Kisten gluckst die Kaffeemaschine. Iwanow, der über den Theologen Pawel Florenskij promovierte, ist ein Aufsteiger aus Minsk. Der Sprung von der Philosophie zur radikalen Belletristik hat seinem Verlag Publicity und steigende Verkaufszahlen beschert. "Der Kapitalismus in Russland hat gesiegt, der Antikommunismus ausgespielt", sagt er. "Jetzt ist die Zeit der großen Erzählungen." Gegen die postmodernen Dekonstruktionen, die die Literatur ins gesellschaftliche Abseits katapultierten, setzt sein Verlag ganz altmodisch auf Themen, die moralisch oder politisch provozieren. Die Werbekampagnen für Sorokin und Prochanow wurden von den Aktionen der Zusammengehenden aufgeheizt. "Ich bin jetzt ein Spezialist für Pornografie!", ruft Iwanow nebenbei ins Telefon. Dass ein weiterer Ad-marginem-Autor, Bajan Schirjanow, wegen Propaganda für Pornografie und Drogen ebenfalls auflagensteigernd verklagt wurde, hat Iwanow sogar den Ruf der strategischen Allianz mit den Zusammengehenden eingetragen. Andererseits ist sein Verlag von Schließung bedroht, wurde die Gegenklage gegen die Zusammengehenden in zweiter Instanz abgeschmettert, fand gerade erst eine Hausdurchsuchung statt. Sitzen die Drahtzieher zu den Schriftstellerverfahren nicht vielleicht in der Präsidentenadministration, die mit den Geheimdienstknechten gerade eine sanfte Diktatur installieren? Iwanows Augen blitzen hinter der Nickelbrille: "Unwichtig. Die Handlungen sind irreal, aber sie bringen reale Gründe hervor." Der Verkauf von Sorokins Büchern ist ums Fünffache angestiegen, Herr Hexogen ist zum "Nationalen Bestseller" gekürt. An der Tür von Iwanows Büro taucht Alexander Prochanow auf. "Ihr könnt mir gratulieren! Gegen Sawtra läuft jetzt auch eine Klage. Mit Sorokin und Limonow können wir den Schriftstellerverband der Verbrecher gründen. Das Justizministerium soll uns schon mal einen Sondergulag reservieren."

Prochanows Zeitung hatte vor einiger Zeit das Protokoll eines Telefonats zwischen dem Liberalen Nemzow und einem weißrussischen Oppositionellen veröffentlicht, in dem sie den Sturz des weißrussischen Führers Lukaschenko diskutierten - und so die von den Patrioten ersehnte Union mit Weißrussland torpediert. Gerade hat Prochanow seinen neuesten Coup gelandet: ein Interview mit dem einstigen Erzfeind Beresowskij. Der entthronte Multimilliardär zeigt sich da im Büßergewand als Christ und sozialer Patriot, der schwer an früheren Verfehlungen, der Hexenjagd auf die Kommunisten und der Inthronisation des Geheimdienstlers Putin trägt. Das Ziel des Publizisten Prochanow: eine das Putin-Regime sprengende Allianz von Radikalliberalen, Nationalisten und Altkommunisten. Doch bislang hat das Interview im Vorwahlkampf nur die Opposition gespalten und Putins Macht zementiert. "Der Sternenhimmel ist in uns", sagt Iwanow und hebt die Teetasse. "Man muss sich verändern, um bei sich zu bleiben. Auf die Illusion! Sie ist realer als die Wirklichkeit."