Die Frage nach einem funktionsfähigen zwischenmenschlichen Beziehungsmodell wird im koreanischen Kino in der letzten Zeit mit schmerzverzerrtem Gesicht beantwortet. Aufrichtige, erfüllte Liebe scheint entweder - wie in den Filmen des bekanntesten Regisseurs Kim Ki-Duk - nur noch als Prostitution des eigenen Begehrens oder, wie jetzt in Jang Sun Woos Lies, als skatologische Erfahrung einer überreizten Sexualität möglich. "Jetzt weiß ich, dass du mich wirklich liebst", sagt die achtzehnjährige Y zu ihrem zwanzig Jahre älteren Liebhaber J, "niemand sonst würde meine Scheiße essen." Lies, dessen Romanvorlage schon seinem Autor wegen des Vorwurfs der Pornografie eine sechsmonatige Gefängnisstrafe bescherte, ist nicht mehr als schiere Provokation des koreanischen Schamgefühls, trotzdem entbehrt Jangs Version dieser bizarren sadomasochistischen Beziehung nicht einer gewissen Ironie.

Ein Liebesversprechen drückt sich nur noch in der steigenden Qualität der Züchtigungsinstrumente aus, die J und Y permanent mit sich herumschleppen. Am Ende bleiben sie ihr einziges Reisegepäck. Jang lässt keinen Zweifel daran, dass er Lies als eine Art postkapitalistische Utopie versteht. Je weiter J und Y aus den gesellschaftlichen Konventionen ausbrechen, desto weniger gelingt es ihnen, überhaupt noch einen Bezug zu ihrer Umwelt herzustellen.

Der "Traum zu leben, essen und ficken zu können, ohne arbeiten zu müssen" (Yang), ist in Lies zwar zum Scheitern verurteilt, wird aber immerhin nie der Lächerlichkeit preisgegeben.