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Katrin Seegers, 28, ist Referentin für Leistungssport beim Deutschen Ruderverband, organisiert Trainingslager und Wettkampffahrten

Mein erster Bewerbungsmarathon begann noch während der Schulzeit, als ich mich für eine Bankausbildung beworben habe. 15 bis 20 Bewerbungen habe ich geschrieben und bin da ganz hoffnungsvoll rangegangen. Das hat sich nach den ersten drei Absagen schnell geändert. Man wird zu Tests eingeladen, und nach drei Tagen kommt der große Umschlag. Groß ist immer schlecht, weiß man ja.

Wenn ich nachgefragt habe, woran es gelegen hat, kamen meistens Standardantworten wie: "Das Testergebnis war nicht entsprechend." Ich war damals nicht hartnäckig genug im Nachbohren. Nachdem ich fast alle Bewerbungen in diesem Stil "abgearbeitet" hatte, habe ich gedacht, die können mich alle mal! In dieser Stimmung bin ich zu einem der letzten Tests bei der Norddeutschen Landesbank gefahren - und da hat es geklappt: Ich bekam eine Ausbildungsstelle.

Von 1995 bis 2000 habe ich dann Sport und BWL studiert mit dem Ziel Sportmarketing, Sportmanagement. Danach ging die zweite Bewerbungsrunde los.

Für Sportmarketing gibt es wenig konkrete Stellenausschreibungen. Das heißt also Blindbewerbungen losschicken, und das ist hart. Ich habe rund 40 Bewerbungen geschrieben. Die Absagen trudelten nach einer Woche oder nach drei Monaten ein. Manchmal schmieren sie einem derartig Honig um den Bart, dass es nervt: "Tolle Bewerbung, tolle Qualifikation, aber leider ..." Wenn sie mir absagen, kann's so toll ja nicht gewesen sein!

Natürlich habe ich auch wieder bei einigen nachgefragt, um fürs nächste Mal was zu lernen. Ich war hartnäckiger als früher, aber die meisten Personalchefs tun sich schwer mit konstruktiven Antworten oder erinnern sich einfach nicht mehr. Das Beste ist die Ansage: Sie sind überqualifiziert.

Lustigerweise habe ich letztes Jahr selber für eine Firma Gruppenauswahlgespräche organisiert und festgestellt, dass erschreckend wenig Leute bei Absagen nachhaken.

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Ich habe nach dieser zweiten Bewerbungsrunde eine Stelle bekommen, die in keiner Weise das hielt, was sie versprach, und war kreuzunglücklich. Ich war dort nicht mehr als eine Aushilfssekretärin.

Und dann passierte das Unglaubliche: Der Deutsche Ruderverband rief an. Dort hatte ich mich nach dem Studium beworben, aber die hatten keine Stelle frei und haben gefragt, ob sie meine Unterlagen behalten dürfen. Ich dachte, eine Mappe mehr oder weniger ist auch egal. Und jetzt kamen sie tatsächlich auf mich zu! Es lohnt sich also immer, die Bewerbungsmappe nicht zurückzufordern.

Carsten Madel, 31, hat Psychologie studiert und macht gerade ein Praktikum bei einem Softwareentwickler

Ich habe meine ersten Bewerbungsschreiben beim Arbeitsamt checken lassen. Die geben da wirklich sinnvolle Tipps. Ich hatte mein Studium fast beendet und war nicht mehr ganz up to date im Formulieren von Bewerbungen. Sie sagten, dass ich bloß keine Standardschreiben losschicken, sondern individuell auf jeden Job eingehen solle. Da ich mich in drei verschiedene Richtungen beworben habe - Forschung, Unternehmensberatung, Personalwesen -, habe ich jede meiner 52 Bewerbungen einzeln ausgerichtet.

Fazit nach mehreren Monaten: zwei Gespräche, aus denen ein Praktikum hervorging. Dabei hatte ich mich sowieso fast nur auf Praktikums-, Trainee-, oder Juniorstellen beworben. Aber selbst als Berufsanfänger sollst du irrsinnig viel Joberfahrung vorweisen. Ich hatte mich zuerst auf Traumjobs beworben: zum Beispiel bei Daimler oder Gillette, in der Personalentwicklung.

Wenn die mich genommen hätten, wäre ich ganz oben gewesen. Bei den ersten Absagen war ich also noch guten Mutes. Ich hatte allerdings damit gerechnet, zumindest mal irgendwo zum Gespräch eingeladen zu werden, was allein schon wegen des Lerneffekts und der Erfahrung von Vorteil gewesen wäre - aber Fehlanzeige. Freunde und Bekannte, die schon länger im Job sind, haben mir gesagt, wie's läuft: Wenn die Ausschreibungen rausgehen, ist die Stelle meistens schon intern besetzt. Bei einigen Absagen habe ich nachgehakt, aber da kam gern die Antwort: "An Ihre Bewerbung können wir uns nicht erinnern."

Es hat anscheinend keiner mehr Zeit, sich mal intensiver mit Bewerbern zu befassen.

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Trotzdem habe ich mir geschworen, nicht die Hoffnung aufzugeben. Ich kann mich mit Model-Jobs gut finanzieren und habe schon öfter mal daran gedacht, mich als Psychologe selbstständig zu machen. Als dann im Juli immer noch keiner angerufen hatte, habe ich beschlossen, mir meinen Berufswunsch selbst zu erfüllen. Sprich: Wenn dir keiner Arbeit gibt, machst du dir selber welche.

Ich habe für die Volkshochschule ein Konzept ausgearbeitet für ein Seminar zur Persönlichkeitsentwicklung. Dann kam ich auf die Idee, eine professionelle Beratung für Schwule anzubieten in Bezug auf Partner, Leben, Beruf und Coming-out. Eine Marktlücke hier in Berlin. Schließlich kam dann doch noch eine Einladung zu einem Gespräch von meinem jetzigen Arbeitgeber.

Er bot mir ein halbjähriges Praktikum in der Personalabteilung eines Softwareentwicklers an. Vorteil für mich: Berufserfahrung in einem großen, international tätigen Unternehmen. Vorteil für ihn: eine kostengünstige, hoch qualifizierte Arbeitskraft.

Serena Holm, 31, arbeitet bei T-Online in der Abteilung mobiles Internet als Manager Business Affairs

Mein schrägstes Absageerlebnis hatte ich mit der Personalberatungsfirma Kienbaum. Von denen bekam ich, zwei Jahre nachdem ich eine Bewerbung hingeschickt und ein vielversprechendes Gespräch hatte, meine Unterlagen zerknittert und ohne Foto zurück. Keine Erklärung, keine Entschuldigung.

Meine erste Bewerbungsrunde habe ich nach dem Jurastudium gemacht. Noch ganz euphorisch, mit der Vorstellung, auf jeden Fall in die Wirtschaft zu gehen und nicht in den klassischen Juristenbereich. Ich bekam eine Reihe von Absagen und habe gemerkt, dass ich noch nicht genau genug wusste, was für eine Position ich eigentlich wollte. Und mir auch wirtschaftsspezifische Kenntnisse fehlten. Insofern habe ich diese ersten "Niederlagen" locker genommen und dann eine Zusatzqualifikation zur Juristischen Wirtschaftsassistentin gemacht. Danach habe ich an die 30 Bewerbungen geschrieben und bin bei ungefähr einem Drittel zum Gespräch eingeladen worden. Das war ein besserer Schnitt als nach der Uni, aber trotzdem deprimierend. Meinen Job bekam ich dann über private Kontakte in einem New-Economy-Unternehmen, das leider nach einem Jahr Insolvenz anmeldete. Das war ein Hammer. Da arbeitet man in einem super Team, glaubt, das mit dem Bewerbungen habe man endlich hinter sich gebracht - und dann so etwas. Ich war so fertig, dass ich mir eine kleine Auszeit gegönnt habe. Nach dem 11. September war die Joblage sowieso miserabel: Da haben sich 1000 Leute auf eine Stelle beworben.

Anfang dieses Jahres habe ich dann doch an die 50 Bewerbungen losgeschickt.

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Weit gestreut, auch ganz klassisch an Rechtsabteilungen. Natürlich bekam ich entsprechend viele Absagen. Es nervt, wenn man täglich angespannt auf Post oder Anrufe wartet. In meinem Mietshaus gibt es nur kleine Briefkästen. Jedes Mal, wenn ich in den Hausflur kam, sah ich schon die großen Umschläge auf dem Kasten stehen und wusste: Okay, deine Unterlagen kommen zurück.

Dann hatte ich Glück: Mein ehemaliger Chef baute inzwischen bei T-Online einen neuen Bereich auf und sagte: Du fehlst uns noch im Team. Dieses Gefühl, gewollt und geschätzt zu werden, tat richtig gut. Mir saßen so viele gegenüber, die mir deutlich gezeigt haben, dass sie am längeren Hebel sitzen Dabei weiß doch jeder, dass man sich im Leben immer zweimal begegnet.

Texte aufgezeichnet von Nikola Haaks