Der Innenminister von Singapur interessiert sich schon länger für Bin Ladens gefährliche Gefolgschaft in Südostasien. Die Dschama'at al-Islamija, sagte Wong Kan Seng im Januar nach einer Reihe von Festnahmen in dem Stadtstaat, habe "sehr direkte Verbindungen" zur Führung von al-Qaida.

Singapurs Sicherheitsbehörden hatten damals herausgefunden, dass acht von dreizehn just verhafteten Muslimextremisten in afghanischen Al-Qaida-Lagern ausgebildet worden waren.

Spätestens jetzt hätte der Regierung des benachbarten Indonesiens deutlich sein müssen, dass Bin Ladens weltweite Terrorstiftung auch Kämpfer im Inselreich angeworben hat. Denn die Dschama'at al-Islamija ("Islamische Gruppe") galt in Expertenkreisen längst als regionales Gegenstück zum Al-Qaida-Netzwerk

mit Zellen in Singapur, Malaysia, den Südphilippinen und Indonesien. Ihr erklärtes Ziel ist es, diesen Raum zu einem islamischen Gottesstaat zu einen. Nach US-Geheimdienstinformationen soll die Gruppe schon 1997 damit begonnen haben, mögliche Anschlagsziele in Singapur auszuspähen.

Die Zelle, auch das wussten die Ermittler, soll sich vier Tonnen der Sprengstoffkomponente Ammoniumnitrat beschafft haben, die für Autobomben verwendet werden kann. Der Stoff wurde bis heute nicht gefunden.

Während die Polizei in Singapur, Malaysia und auf den Philippinen seit dem 11. September zahlreiche verdächtige Muslimextremisten aufgespürt und festgenommen hat, wollte die indonesische Regierung offenbar nicht wahrhaben, dass "die Organisation, die uns am meisten beunruhigt" (der australische Außenminister Alexander Downer eine Woche vor dem Anschlag von Bali), auch im Land des sanften Islam Kriegspläne schmiedete. Sie stellte sich selbst dann noch taub, als die 13 Festgenommenen in Singapur laut Polizeibericht gestanden, ihr Anführer sei der indonesische Dschama'atal-Islamija-Chef Abu Bakr Baschir (siehe nebenstehenden Artikel). Die dreizehn hatten nach Informationen aus Singapur geplant, US-Schiffe in einer Seestraße nordöstlich der Stadt anzugreifen, und seit Oktober 2001 die Botschaftsgebäude der Vereinigten Staaten, Australiens, Großbritanniens sowie Israels ausgekundschaftet.

Als die Nachbarländer Indonesiens die ersten Extremisten schon hinter Schloss und Riegel gebracht hatten, lud der indonesische Vizepräsident und Vorsitzende der größten muslimischen Partei, Hamsa Has, die Anführer dreier Islamistengruppen noch zum Abendessen ein. Gäste des Treffens, das Ende März in Has' Privathaus stattfand, waren neben Baschir auch Dschafar Omar Talib, der Chef der auf den Molukken aktiven Terrorgruppe Lasker Dschihad, sowie Habib bin Hussein Sjihab, Kopf der Islamic Defenders Front, die als besonders antiamerikanisch gilt. "Has war nach diesem Gespräch der Meinung, dass Indonesien kein Terrorismusproblem habe", sagt Martin Wagener vom Lehrstuhl für Internationale Beziehungen und Außenpolitik der Universität Trier. Der Wissenschaftler schließt gerade eine Untersuchung über den Kampf gegen den Terrorismus in Südostasien ab, die demnächst am Trierer Zentrum für Ostasien-Pazifik-Studien erscheinen wird. Ihr hellsichtiger Titel: Second Front - "Zweite Front". Wagener glaubt, dass die indonesischen Behörden allzu nachsichtig mit islamischen Extremisten umgingen, weil die ohnehin angeschlagene Präsidentin Megawati Sukarnoputri die Opposition im Land nicht noch weiter gegen sie aufbringen wolle.