Andreas Gross, 40, Hamburg, Leiter einer Untersuchungshaftanstalt

An die Knast-Atmosphäre, an die vergitterten Fenster und die verschlossenen Räume, musste ich mich erst gewöhnen. Doch nach zwei, drei Wochen flößt einem das Gefängnis keine Angst mehr ein, dann merkt man: Das ist hier ein ganz normaler Arbeitsplatz.

Als ich vor 20 Jahren mit meinem Jurastudium begann, hätte ich nicht gedacht, dass ich mal im Strafvollzug lande. Ich hatte mich auf Miet- und Baurecht spezialisiert und nach dem Examen zunächst auch in der Baubehörde gearbeitet.

Sehr schnell fand ich es nicht mehr besonders abwechslungsreich, Paragrafen anzuwenden, nach denen ein Deich um 50 Zentimeter erhöht werden darf. Ich wechselte ins Strafvollzugsamt, obwohl mir damals viele Kollegen davon abrieten. Sie meinten, das sei eine berufliche Sackgasse.

Nun, ich bin tatsächlich beim Strafvollzug geblieben - weil das viel spannender ist. Zunächst war ich Vollzugsleiter in einer Untersuchungshaftanstalt, was so eine Art "Gefängnis-Trainee" war. Dann übernahm ich als damals 32-Jähriger die Leitung einer Jugend- und Frauenvollzugsanstalt.

Seit einem halben Jahr nun leite ich das größte Hamburger Gefängnis mit rund 750 Insassen. Hier habe ich mit Menschen zu tun, mit ihrem Schicksal, ihrem sozialen Elend, nicht mit Deichen. Im Vollzug musste ich entscheiden, wer beispielsweise in Einzelhaft kommt oder wessen Haftbedingungen gelockert werden. Man bekommt schnell viel Verantwortung, das ist anstrengend, aber eben auch eine Herausforderung. Vor allem, wenn was passiert: Selbstmordversuche, Nahrungsverweigerung, Ausbruchsversuche. Aber es gibt ja auch Erfolgserlebnisse, wenn etwa ein Gefangener seine Lehre abschließt oder den Schulabschluss macht. Da freue ich mich richtig und sehe, dass manche Konzepte, wie man mit den Gefangenen umgeht, auch greifen.

Als Anstaltsleiter kann ich das Leben im Gefängnis mitgestalten, ich kann eigene Ideen umsetzen, was verändern. Die Tagesabläufe müssen ständig neu überdacht werden, das erfordert eine gute Zusammenarbeit zwischen allen Mitarbeitern. Wichtig ist es, das Personal zu motivieren, Vertrauen zu schaffen und ein Wir-Gefühl zu entwickeln. Als Leiter trage ich Verantwortung für rund 500 Mitarbeiter und den Haushalt, ich entscheide, welche Baumaßnahmen organisiert, welche Konzepte umgesetzt werden müssen, um etwa die Gefangenen besser zu qualifizieren. Dazu braucht man nicht unbedingt ein Jurastudium, es gibt auch viele Psychologen, die ein Gefängnis leiten. Für mich ist es aber die richtige Aufgabe, ich fühle mich sehr wohl hier. Ich habe noch in keiner Behörde so viel gelacht wie im Knast, vielleicht weil es schon eine etwas ungewöhnliche Aufgabe ist, ein Gefängnis zu leiten. Meine "Kunden" sind schließlich Kriminelle. Manche Menschen glauben, dieser Beruf sei gefährlich, er macht ihnen sogar Angst. Das ist Unsinn, ich habe einen der sichersten Arbeitsplätze in der Stadt! Ich bin nicht mehr gefährdet als ein Richter oder ein Staatsanwalt.