Wir sollten endlich zu unseren heimlichen Leidenschaften stehen, bekennen, was wir auswählen und in den CD-Player schieben, wenn keiner mithört. Das neue Album des amerikanischen Pianisten Brad Mehldau liegt ganz oben im Stapel. Läuft und läuft, obwohl es sich offensichtlich um Konfekt handelt, von schwelgenden Bläsersätzen glasiert, mit rhapsodischen Fantasien gefüllt, von verschlepptem Schlagzeug in Softrock-Form gehalten. Der Titel - Largo - versprach zwar eine Fortsetzung der 1995 begonnenen Reihe mit Klaviermusik der puristischen Art, aber das neue Werk des Romantikers präsentiert sich plötzlich als reinster Mantovani mit pianistischen Lichtlein, Floyd Cramer spielt zum Last Date auf - es ist ebenso schön wie ganz schön peinlich.

Auf der Stil-Skala des Jazz, die unverändert von freier Improvisation bis zum easy listening reicht, hat der 32-jährige Brad Mehldau den Regler nun ganz in Richtung "Glücklich No. IX" geschoben - I Do, der letzte Titel der CD, klingt nicht zufällig nach Al Jolsons Sunny Boy. Acht Alben hat er bisher unter eigenem Namen veröffentlicht - heiß verehrt wie kühl ignoriert, Brad Mehldau spaltet die Gemeinde. 1994 tauchte der junge Mann als Begleiter des young lion Joshua Redman auf, wirkte bleich neben dem schwarzen gestylten Saxofonisten, eigenwillig in seinen Improvisationen, ein linkischer, aber selbstbewusster Rebell. Der Typus, dem man vieles verzeiht. Dem ersten Album, Introducing Brad Mehldau, folgten Trio-Aufnahmen, die ihre Mischung aus Zartgefühl und Großmannsucht schon im Titel auswies: The Art of the Trio - Vol. 1 bis Vol. 5, inzwischen fehlt das "the". Als handle es sich bei der Besetzung Piano-Bass-Schlagzeug nicht um das bedeutungsbeladenste Genre des Jazz - allein der Plan ein Sakrileg.

Die linke Schulter hängt tief, der Kopf liegt beinahe waagerecht auf der rechten, die Augen geschlossen. Wer Brad Mehldaus oft viertelstündige Variationen über eigene Kompositionen oder Standards der Jazz- und Rockgeschichte im Konzert erlebt, genießt jene Trance, die schon im 19. Jahrhundert inmitten des großbürgerlichen Ambientes dem Klaviervirtuosen jenes wohlige antibürgerliche Ekstase-Feeling verlieh. Außenseiter auf solidem Grund. Parallel laufen die Stimmen, die Melodie wechselt nahtlos von der rechten auf die linke Hand, das taktvolle Schlagzeug des Katalanen Jorge Rossy hält die Räume so offen wie der Bass von Larry Grenadier, drei Vertraute, die sich seit 1995 verstehen, ohne jedoch auf gleicher Ebene zu stehen. Doch was in den Art of the Trio-Einspielungen auf Breitwand gedehnt wird, verkürzt sich jetzt auf Short-Story-Länge. Nur neun Minuten Paranoid Android, eine Komposition der Rockband Radiohead, erfüllen den gewohnten epischen Anspruch. Brad Mehldau hat den weiten Atem seines Spiels auf Popformat komprimiert.

15 Minuten in 3 Minuten verdichtet oder 3 auf 15 gestreckt. Erkennen Sie die Absicht? Die alte Sehnsucht, Pop- und Rocksongs via Jazz in den Olymp der klassischen Musik des 20. Jahrhunderts zu heben, findet bei Mehldau ein offenes Ohr. Da trifft sich sein später Romantizismus mit den Harmonien und Melodien der Popwelt: Kein Wunder, dass er eine Vorliebe für die Songs der Beatles zeigt, Dear Prudence erscheint ebenso wie Mother Nature's Son, und das Blackbird-Zitat klingt ganz nah. Das Rätsel um den falsch verstandenen Titel Largo lüftet sich, wenn man liest, dass im gleichnamigen West-Hollywood-Club die Singer/Songwriter zu Hause sind, dass dessen Besitzer Mark Flannagan ihn mit dem Multi-Instrumentalisten Jon Brion bekannt gemacht hat (unter anderem produzierte er Aimee Mann, Fiona Apple und die Eels), der für dieses Album verantwortlich zeichnet. Also gibt es synthetisches Fiepsen und Quaken (Dropjes), treiben Bläserriffs zum Fingerschnippen (Dusty McNugget), dröhnen gar Gitarren in Black-Sabbath-Manier (Sabbath) - die sich allerdings als verfremdetes Klavier entpuppen. Am Vibrafon buchstabiert er Carlos Jobims Wave, mit präparierten Klaviersaiten schafft er jenen perkussiven Klang, der Free Willy zum eindringlichsten Titel macht. Und sollte er sich einmal - ganz traditionell besetzt - auf die Schönheit von Dear Prudence einlassen, dann sorgt der verschlampte Schlag des Rockveteranen Jim Keltner dafür, dass das Poetische eine gewaltige Schieflage bekommt.

Man könnte Largo als sentimentale Reminiszenz an sonnige Westcoast-Tage empfinden - Brad Mehldau lebte zwischen 1995 und 2000 in Kalifornien -, als Randnotiz im Werk eines Pianisten, der solo mit Elegiac Cycle berührt und in wunderbaren Aufnahmen mit Lee Konitz (Blue Note) oder Charles Lloyd (ECM) auftaucht, offenbarte sie nicht ein Künstlerbild, das Mehldau im Extrem verkörpert. Er gilt als Musterschüler deutschen Bildungskanons: Werther Music nennt er den Musikverlag für seine Eigenkompositionen, Rilke zitiert er so fließend wie Goethe oder Beethoven, die Begleittexte zur Ästhetik seiner CDs schreibt er so erlesen wie exzessiv ausführlich. Wo war je ein Jazzpianist zu finden, der - "zum Menschlichen in einem seltsam fernen und unbeteiligten Verhältnis" stehend - ein Porträt von Thomas Mann über dem Flügel anbringt und seinen Doktor Faustus so gut kennt wie Tonio Kröger: "Denn mein bürgerliches Gewissen ist es ja, was mich in allem Künstlertum, aller Außerordentlichkeit und allem Genie etwas tief Zweideutiges, tief Anrüchiges, tief Zweifelhaftes erblicken lässt, was mich mit dieser verliebten Schwäche für das Simple, Treuhe rzige und Angenehm-Normale, das Ungeniale und Anständige erfüllt. Ich stehe zwischen zwei Welten ..."

Wo andere Jazz zu easy listening remixen, hatte sich Brad Mehldau in ein Sample des l'amour fou du jazz verwandelt. Er kopierte den Idealtypus des Jazzmannes so gründlich, dass er jahrelang heroinabhängig war, um dem Bild des poète maudit zu entsprechen. Nun kehrt er zu seiner ersten Liebe, ins melancholische Reich der Popmusik, zurück. Mit seiner holländischen Frau, der Sängerin Fleurine, sowie Tochter Eden lebt er inzwischen auf dem Land am Hudson River, scheint äußerlich ohnehin eher der Welt von Radiohead entsprungen und sieht sich selbst als einen "hoffnungslos romantischen Künstler" - dem romantische Ironie jedoch fern liegt. Viel eher äußert er sich als wortgewandter Zeuge neuer und alter Innerlichkeit und Einfachheit: "Es gibt eine Art Übelkeit, verursacht durch unsere ewigen Selbstzitate innerhalb eines Werkes über das Werk. Wir sind unserer eigenen Ironie überdrüssig ... Es reicht!" Nicht unsympathisch.

Wie ein Kommentar zur Lage erscheint in diesem Monat eine große spröde Konzertaufnahme jenes Pianisten, der - neben Bill Evans - als ständiger Referenzpunkt zu Brad Mehldau genannt wird, des Ekstatikers und Lyrikers Keith Jarrett: Always Let Me Go. Diese von Standards und vorgefertigten Melodien befreiten Improvisationen bewegen sich im selben Raum wie Mehldau und markieren doch die entgegengesetzten Seite einer Klavier-Schule, die weder mit dem Informationszeitalter noch deren postmodernem Zitatenschatz etwas zu tun haben will. Mehldau hat mit Largo auf dieser Klavier-Skala den konsequenten Schritt in die andere Richtung vollzogen: Er füllt die romantische Energie in Sahnebonbons. Man muss sie heimlich genießen.