Intellektuellen, sofern sie sich diese Bezeichnung überhaupt noch gefallen lassen, wird heute zugemutet, gelegentlich etwas Zutreffendes über die Wirklichkeit zu sagen. Das ist - blickt man auf die jüngere Geschichte der Bundesrepublik zurück - durchaus nichts Selbstverständliches. Bis lange nach der Wiedervereinigung konnten der weltverlorene politische Maximalismus und die risikolose Moral auf nachsichtige Duldung hoffen, wenn der Autor vorher einen passablen Roman verfasst hatte oder wenn es, sagen wir, im Feuilleton der Frankfurter Rundschau stand.

Dass heute persönliche Ansichten, auch wenn sie hell im Licht des Kulturellen strahlen, ein vergleichbares Interesse nicht mehr erregen, liegt unter anderem an der Multiplikation der Reden und Redekanäle. Das Übermaß an Meinungen begünstigt Verzerrungen. Einerseits ist das öffentliche Gebrabbel so laut und so vielfältig geworden, dass von niemandem mehr Autorität ausgeht, andererseits erhält die Rede des Intellektuellen immer größeres Gewicht, weil die meisten inzwischen davon überzeugt sind, soziale Tatsachen würden heute vor allem von den Medien geschaffen.

Diese Lage kann dem Intellektuellen Anlass zu wasserflohähnlicher Selbstverkleinerung sein oder zu ochsenfroschhafter Vergrößerung. Oder zu beidem gleichzeitig. Nur eines kann der Intellektuelle nicht länger behaupten: dass die besondere Sprech- und Austauschweise seines Ökosystems, also der Kultur, eine strikte und verlässliche Beziehung zu derjenigen der Politik unterhalte, dass seine Ansichten und Wertungen in einem "eigentlichen", je nachdem vorwegnehmenden oder moralisch wahrhaftigeren Verhältnis zu jener Sphäre stehen, in der sich die Geschicke der Gesellschaft entscheiden.

Rufer im Regenwald der Kultur

Die Utopien sind am Ende doch nur Literatur geblieben, und auch die kulturkritische Verdammnis der Gegenwart wird wohl vielen Zeitgenossen ein Ausdruck geistiger Überhitzung bleiben, jedenfalls etwas, das sie nicht betrifft. Die Intellektuellen vom alten Schlag - der Soziologe Pierre Bourdieu sprach von "kollektiven Intellektuellen", die ihre Expertenrolle nutzen, um gesellschaftlichen Widerstand zu organisieren - sind Teil der Meinungspluralität geworden, die sie doch immer träumten, hinter sich lassen zu können, weil sie ihrem Selbstverständnis nach die besseren Gründe für Herz und Verstand bereithielten. Es ist schwierig geworden, für alle zu sprechen, wenn "alle" nicht die tatsächliche Mehrheit sein sollen, sondern so etwas wie eine Vervielfältigung einer monologischen Vernunft.

Überhaupt sind die Intellektuellen keine Gruppe mehr, die gleiche Werte teilt und ein starkes Wir-Bewusstsein hat. Es sind professionalisierte Beobachter der Gesellschaft, die über einen privilegierten Zugang zu den Kanälen der öffentlichen Meinung verfügen. Schon vor mehr als 50 Jahren sagte der Ökonom Joseph Schumpeter eine Inflation einander hysterisierender und dementierender intellektueller Stimmen voraus. Günter Grass ist heute ein Intellektueller, Harald Schmidt oder Hans-Ulrich Wehler, ebenso Ulrich Wickert und - wieso nicht? - auch Hans-Olaf Henkel. Gemeinsam ist ihnen lediglich, dass sie alle am Ufer der Kultur stehen - also der Wissenschaft, der Kunst oder des Entertainments - und gelegentlich auf die Seite des Politischen hinüberrufen.

Dort kommt ihre Stimme aber nicht mehr an - oder nur verzerrt. Aus dem Redeprivileg erwächst nicht automatisch Überzeugungskraft. Wo er die Öffentlichkeit erreicht, ist deswegen nicht schon Allgemeinheit erobert. Was soll der Intellektuelle dann tun? Auf dem Fuß kehrtmachen und seinen Gesang in aller Bescheidenheit nur noch im Regenwald des Kulturellen zu Gehör bringen?