die zeit: Mrs. Scott-Brown, Mr. Venturi - Ihre Bücher gehören zur Standardlektüre aller Architekturstudenten, und von Ihren Forschungen über Las Vegas haben sich viele Ihrer Kollegen inspirieren lassen. Dennoch wird kaum ein anderes Architekturbüro mehr gehasst als das Ihre. Warum?

Robert Venturi: Viele glauben, wir seien Erzfeinde der Moderne. Das ist natürlich Unsinn. Wir lieben Architekten wie Alvar Aalto, und vor der Villa Savoye von Le Corbusier gehen wir auf die Knie. Allerdings erlauben wir uns den Hinweis, dass diese Moderne längst historisch geworden ist, genau wie die Renaissance und der Barock. Es wäre also an der Zeit, nach einer Architektur des 21. Jahrhunderts Ausschau zu halten. Doch das wollen die meisten unserer Kollegen nicht wahrhaben.

Denise Scott-Brown: Mir kommt es manchmal so vor, als lebten die russischen Konstruktivisten noch. Diese glaubten, dass nach einer Revolution die Massen schon auf den richtigen, auf ihren Weg einschwenken würden. Ähnlich meinen heute viele Architekten, sie könnten ihren Geschmack der ganzen Welt aufzwingen. Alle sollen an den Vorstellungen der oberen Mittelschicht genesen.

zeit: Sie meinen, es gebe eine Art Geschmacksdiktatur? Die Baukunst war aber doch nie so vielfältig wie heute.

Scott-Brown: Das mag sein, doch was den Massen gefällt, gilt weiterhin als vulgär. Die Architekten haben sich ins Ghetto der gehobenen Ästhetik zurückgezogen. Und sie wehren alles ab, was ihren Gestaltungsvorstellungen, so heterogen sie auch sein mögen, widerspricht. Und dann beklagen sie sich auch noch darüber, dass sie keine große Rolle mehr spielen.

Venturi: Denise hat Recht. Es lässt sich nicht leugnen, dass die Idee des international style weiterhin furchtbar lebendig ist. Man glaubt an eine Architektur, die überall und für jeden Zweck gleichermaßen geeignet sein soll. Dahinter steht die Vorstellung, dass es nur die eine, die richtige Kultur gibt, die alle Menschen vereinen kann. So wie vor 80 Jahren soll auch heute alles neu und revolutionär sein - an eine evolutionäre Baugeschichte mag man nicht glauben. Dabei hat doch beides seine Berechtigung: Manchmal ist es Zeit für Revolutionen, manchmal muss man auch ganz traditionsbewusst sein können. Anders geht's nicht, wenn man einer multikulturellen Gesellschaft gerecht werden will.

Scott-Brown: Die Modernisten sprechen immer vom menschlichen Maß ihrer Architektur. Gern tun sie so, als gebe es nur ein einziges Maß, das menschlich ist. Ziemlich weltfremd, oder?