Im Wald, da ist es dunkel. Da warten Wölfe, Räuber und Hexen. Und wer vom rechten Weg abkommt, um den ist es geschehn. Der muss manche Kröte schlucken, und die dickste von allen ist die Sexualität. Das Böse, das Nichtsublimierte war hier immer schon zu Hause. Im Dickicht, in Nebel und glucksenden Sümpfen walten nicht nur die Spukgestalten des Verbotenen und die kindliche Angst vor Schuld und Versagen. Hier führen von jeher, von Hänsel und Gretel bis zum Blair Witch Project, auch die Regeln der Erwachsenenwelt Regie. Das Unheimliche und sein monströses Personal sind die ins Fantastische verlängerte Drohgebärde der Erziehung.

Wenn also in My Brother Tom wieder ein Mädchen und ein Junge sich an die Hände fassen und in den Wald ziehen, müssen sie sich durch einen riesigen Forst mythologischer Bedeutsamkeiten schlagen. Vielleicht beginnt ihre Geschichte deswegen mit einem Feuer und mit Toms Sprung von einem brennenden Baum. Wie eine symbolische Brandrodung, bevor das Paar den Ort mit eigenen Geheimnissen bevölkern kann. Sein morbides Reich soll es schließlich werden, ein Grenzübergang zwischen Wahrnehmung und Einbildung, Zärtlichkeit und Gewalt.

So geht es in diesem großartigen, zugleich archaischen und unerhört modernen Film um die schlimmste Verletzung, die man einem Halbwüchsigen zufügen kann, und um die Strategien, damit weiterzuleben. Vor dem, was ihnen angetan wurde, flüchten sich die beiden absonderlichen Teenager in einen kreatürlichen Bereich, der wie durch eine unüberwindbare Schneise von ihren unbeschwerten, plappernden, Techno-Partys feiernden Altersgenossen getrennt scheint. Das private Universum wird ihnen zur tröstlichen und manchmal ruppigen Opposition gegen eine Wirklichkeit, von der es keine Erlösung gibt.

Tom (Ben Whishaw) hat sich im wirklichen Leben in die Stummheit geflüchtet.

Ein 17-jähriger Sonderling mit abstehenden Ohren, melancholisch umschatteten Augen und einer manischen Begabung für Hingabe und Opfer. Die anderen nennen den Stillen Lemming, hänseln und hetzen ihn, damit er sich in Abgründe oder wenigstens von einem Ast stürzt wie seine depressiven Artgenossen. Nur die gleichaltrige Jessica (Jenna Harrison) erwidert seinen Blick, lässt sich ausgiebig umwerben und biegt eines Tages vom Schulweg ab, um Tom in den Wald zu folgen. Das freigeistige Bürgertum ihrer Eltern, in dem es nichts Schlimmeres zu geben scheint, als nach einem Gilbert-O'Sullivan-Song die Repeat-Taste zu drücken, ist ihr schon lange suspekt. Ein Liberalismus, der alles wissen will, alles versteht und alles Widerständige in intellektueller Großzügigkeit absorbiert. Jessica hat längst die innere Emigration gewählt.

Ein bewährtes Exil, aber kein Katastrophenschutz. Als ihr Lehrer, ein langjähriger Freund der Familie, ihren halbherzigen Kuss ausnutzt, um sich über sie herzumachen, lässt sich dieser Schmerz nicht nach innen stülpen.

Im Dickicht der Ängste