Der Triumph des neuen Europas der 25 bedeutet freilich auch den endgültigen Tod des alten, "neokarolingischen" Europas, das aus den Trümmern der Weltkriege hevorgekrochen war. Das Europa der Sechs beruhte auf einem Dreifach-Deal. Erstens: Deutschland, der Stärkste im Bunde, unterwirft sich der Aufsicht durch die Schwächeren, zumal die französischen "Erbfeinde". Zweitens: Der Wandel vom Agrar- zum Industriestaat wird gebremst; deshalb jene Agrarpolitik, die inzwischen die Hälfte des EU-Budgets verschlingt. Drittens: Die Führung übernehmen Paris und Bonn, wobei, wie Helmut Schmidt einmal anmerkte, der französische Präsident auf dem roten Teppich immer einen Schritt vor dem deutsche Kanzler dahinschreiten durfte.

Absurde Ambitionen

Das war die gar nicht so geheime Verfassung des alten Europa; sie funktioniert schon lange nicht mehr und wird vollends zerbrechen, wenn erst die Neuen Zehn ab 2004 ins Brüsseler Zelt drängen. Aber eine neue Verfassung, wie sie jetzt im EU-Konvent geprobt wird, kann nicht das erhebende Erlebnis von Philadelphia (1787) oder Herrenchiemsee (1948) duplizieren, als die Amerikaner ihre Verfassung in vier Monaten und die Westdeutschen ihre in zwei Wochen zusammenschrieben. Denn fürs nation-building fehlen die vier wichtigsten Elemente: die Gemeinsamkeit der Geschichte, Sprache, Identität und Verfassungstradition.

Eine US-Verfassung mit sieben Artikeln? Nie und nimmer. Schon der Vertrag über die Europäische Union von 1992 ("Maastricht") ist auf Deutsch 253 Seiten lang. Und jedes Mal, wie zuletzt mit dem Erweiterungsvertrag von Nizza, kommen noch einmal 100 Seiten dazu. Doch wäre eine knapp-elegante Verfassung wie die amerikanische eine absurde Ambition. Europa ist eben nicht Tabula Rasa, wie es Amerika anno 1787 war, sondern ein Gebilde mit tausendfacher Verästelung, wie es seit dem ersten, dem römisch-imperialen Vereinigungsversuch gewachsen ist.

Demnächst kommen noch einmal zehn "Geschichten" dazu, und selbst die Götter könnten aus Finnland und Zypern, Estland und Portugal keinen gemeinsamen Staat formen. Hätte man die Erweiterung auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verlegen sollen? Natürlich nicht. Für die Hereinnahme sprechen gerade in Deutschland die gewichtigsten Gründe.

Moralisch: Dass unsere östlichen Nachbarn so lange im Völkergefängnis des Sowjet-Imperiums sistiert waren, verdanken sie dem "Unheiligen braunen Reich deutscher Nation". Etwas historische Wiedergutmachung tut auch hier gut und Not. Realpolitisch: Dass dieses vereinte Deutschland nicht das östlichste "Grenzland" der EU bleiben kann, versteht sich von selbst. Demokratien brauchen demokratische Nachbarn, und die EU (siehe Portugal und Spanien) bleibt der beste Garant freiheitlicher Entwicklung. Wirtschaftlich: So wie die Bundesrepublik am meisten von der Freihandelszone EWG/EG/EU profitiert hat, wird sie auch am meisten vom Beitritt der Staaten profitieren, die zum Teil schon mehr Reformschweiß vergossen haben als die träge Deutschland AG.

Doch welches Europa soll's denn sein? Adenauers Europa kann es nicht mehr sein, die "Vereinigten Staaten von Europa" werden es nicht sein. Adenauer hat de Gaulle einen Blankoscheck in der Agrarpolitik ausgestellt, weil Bonn Frankreich als Schutzmacht und Bewährungshelfer brauchte. Kohl hat die D-Mark europäisiert, um machtpolitische Kompensation für die Wiedervereinigung zu leisten. Doch lässt Schröder der Grande Nation nicht mehr den Vortritt; Berlin ist nicht so abhängig wie Bonn, und deshalb wird dieser "Motor" nur gelegentlich auf Touren kommen.