An der Auricher Börse wird die Zukunft gehandelt. Früher schlossen in der ältesten Schänke der ostfriesischen Kleinstadt die Bauern Kuhhändel ab. Heute brüten hier Josef Antony, Alexander Stracke und Wolfgang Völckner über Projekten, die mit etwas Glück das Leben ihrer Klienten verändern. Denn seit mehr als zehn Jahren schlagen die drei Lehrer mit den Auricher Wissenschaftstagenerfolgreich die Brücke zwischen Klassenzimmer und Labor. Ihre Schüler spähen ins Weltall und erkunden die Tiefen des Eismeers, sie jagen nach Elementarteilchen oder graben versunkene Städte aus.

Während anderswo über das schwindende Interesse Jugendlicher an naturwissenschaftlichen Themen geklagt wird und in vielen Schulen die Post-Pisa-Depression ausgebrochen ist, schreiben die Auricher unverdrossen an einer Erfolgsgeschichte, die ihresgleichen sucht in Deutschland. Sie handelt von den Schülern und Lehrern zweier ostfriesischer Schulen, von Nobelpreisträgern im halben Dutzend, von Spitzenforschungsinstituten in Deutschland, Europa - und der Antarktis.

Am Anfang aber war Josef Antony. Der Physiker und Maschinenbauer kam 1986 in die Stadt. "Es herrschte damals ein ungeheuer wissenschaftsfeindliches Klima in Deutschland", erinnert sich Antony. "Die Physiker verstrahlen die Umwelt, die Chemiker verseuchen Boden, Luft und Wasser, und die Biologen manipulieren die Gene: Das war das Bild der Forschung."

Wie mit den strittigen Themen umgehen? Wie sie in die ostfriesische Provinz tragen, wo die Welt noch heil und die Wissenschaft weit weg schien? Die Lösung brachte Antony 1989 von einer Fortbildung am Forschungszentrum Jülich mit. Wissenschaftler diskutieren mit Schülern hieß dort ein Programm. Warum nicht auch mit Auricher Schülern?

Die Berufsbildenden Schulen II in Aurich schickten eine Einladung. Die Jülicher kamen. Schüler bestimmten die ersten Themen: Kernkraft, Ozonloch, Gentechnik. Am 23. April 1990 fand in Aurich der erste Wissenschaftstag statt. Drei Forscher diskutierten in den Klassenzimmern mit den Leistungskursen der Fachoberschule. Motto: "Wissenschaft und Verantwortung".

Schon ein Jahr später sprengte das Programm Tagesordnung und Klassenzimmer. Dann stieß der Mathematik- und Philosophielehrer Alexander Stracke zum Organisationsteam - mit ihm kam eine ganze Schule, das Auricher Gymnasium Ulricianum. Die Wissenschaftstage fanden nun nicht mehr in der Schule statt, sondern im Rathaussaal und im Tagungsraum des Landkreises.

1995 trat der erste Nobelpreisträger in Aurich auf: Georg Bednorz sprach über Hochtemperatur-Supraleitung. Inzwischen haben die Organisatoren das halbe Dutzend voll. Christiane Nüsslein-Volhard referierte über Entwicklungsgenetik, Klaus von Klitzing über den Quanten-Hall-Effekt. Richard Ernst sprach über Faszination und Verantwortung der Wissenschaft, Paul Crutzen über die Chemie der Atmosphäre. In diesem Jahr erwarten die Auricher den Physiknobelpreisträger Jack Steinberger mit einem Vortrag über Neutrinos. Mit der Liste der Referenten würde sich mittlerweile so manches Großforschungszentrum gern schmücken. In Aurich diskutieren die Topwissenschaftler im ehemaligen Güterschuppen der stillgelegten Kleinbahn - und speisen anschließend in der Börse.