Der ehrwürdige Klassizismusbau, in dem Sandra Boling* an ihrem Doktortitel tüftelte, bietet normalerweise nur wenig Raum für Abgeschiedenheit. Eine Kinderklinik, in der täglich Hunderte ein- und ausgehen. Und doch: Ausgerechnet an diesem Ort fühlte sich die angehende Ärztin verdammt allein gelassen.

Denn Boling hatte das Pech, in einem Labor zu experimentieren, das sie mit niemandem teilte. Dabei hätte sie doch so dringend Unterstützung gebraucht für die methodischen Aspekte ihrer Experimente, die nicht so recht gelingen wollten. Laborpersonal, das hätte helfen können, gab es nicht. Und ihr offizieller Betreuer war überall, auf der Intensivstation, im Notarztwagen, in Klinikkonferenzen - nur nicht wenigstens mal für zehn Minuten im Labor.

Nach neun Monaten kam das Ende: Die Doktorandin könne daheim bleiben, erklärte der Doktorvater. Sie sei unfähig. Boling gelang die Dissertation trotzdem - nach einem Neuanfang in einer Forschungsgruppe. Eingebunden in das eingespielte Team, hatte sie die Arbeit nach einem Jahr fertig.

Dass Ärzte im Klinikalltag ihre promovierenden Schützlinge vernachlässigen, ist keine Seltenheit. Unter Promotionsabbrechern der Berliner Charité klagten in einer aktuellen Umfrage gleich 86 Prozent über mangelhafte Unterstützung. Doch nicht nur in der Medizin kann eine Promotion zur Tortur werden. Ob in den Natur- oder Geisteswissenschaften - der Weg zum Doktortitel ist nicht nur in akademischer Hinsicht steinig. Hochschulforscher der Universität Kassel stellten in einer Umfrage fest, dass jeder vierte Doktorand die nötige Fürsorge seines Hochschullehrers vermisst. Noch deutlicher fiel eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung aus: Demnach wünschen sich sogar 41 Prozent der Befragten, häufiger den Rat ihres Hochschullehrers einholen zu können.

"Wer extern promoviert, erhält in der Regel überhaupt keine Betreuung und schreibt oft über Jahre hinweg in einem schwarzen Loch", sagt Manuela Erhart, die die Studienförderung der Friedrich-Ebert-Stiftung leitet. Doktoranden, die an der Universität angestellt seien, stünden zwar in engem Kontakt mit ihrem Hochschullehrer und könnten häufiger einmal ihr Herz ausschütten. "Dafür werden sie aber dermaßen eingespannt, dass sie ewig brauchen." Auch Harald Völker, Vorsitzender des Promovierenden-Netzwerkes Thesis, übt Kritik an den Professoren: "In den USA sieht ein Doktorvater seine natürliche Aufgabe darin, jemanden wissenschaftlich nachgerade zum Explodieren zu bringen. In Deutschland hingegen ist es schon sehr üblich, dass Professoren aus Doktoranden herausziehen, was geht."

Mediziner als Vorreiter

An den Universitäten macht nun eine Idee die Runde, die Abhilfe schaffen soll. In so genannten Dissertationsvereinbarungen sollen Doktorväter und Doktoranden Spielregeln für das Promotionsverhältnis festschreiben. Während über solche Vereinbarungen an den meisten Instituten bislang allenfalls diskutiert wird, haben einige medizinische Fakultäten, unter anderem in Bonn, Berlin und München, bereits erste Erfahrungen gesammelt. So stellte die medizinische Fachschaft der TU München vor rund zwei Jahren erstmals eine Mustervereinbarung vor. Benannt werden sollen unter anderem die vorgesehenen Methoden, die Finanzierung und der Betreuer. Der Student soll seinem Doktorvater auch eine Angabe über den zu erwartenden monatlichen Arbeitsumfang in Stunden abringen - wohl wissend, dass die tatsächliche Arbeitszeit leicht das Doppelte betragen kann. "In der Wissenschaft gibt es immer Verzögerungen, die man nicht abschätzen kann", sagt Tina Schweickert von der Fachschaft. Trotzdem könnten die Betreuer auf Erfahrungswerte zurückgreifen. Außerdem sollen die angehenden Doktoranden darauf bestehen, möglichst rasch einen konkreten Titel festzulegen.