Er war klein, Sextaner von heute hätte er kaum überragt. Er hatte feuerrote Haare, und häufig trug er heftig karierte Jacketts in Farbtönen, die mit diesem Rot auf interessante Weise kollidierten. Er unterrichtete Latein, Griechisch und Philosophie. Über das Wort Burn-out hätte er gelacht: Wulf Bahrenfuß war eine exotherme Persönlichkeit. Die Freude am Lehren strahlte ihm aus allen Knopflöchern, die Begeisterung für seine Fächer wärmte seine Schüler. Wenn er über die antike Götterwelt sprach, dann wurde deren Personal lebendig, dann erschien jemand wie Athene viel plausibler als, zum Beispiel, Gott.

Ich weiß nicht, wie er es gemacht hat. Aber mit und durch Latein brachte er uns bei, wie unsere Sprache, wie Sprachen überhaupt funktionieren. Dass es auf Wörter ankommt, dass Grammatik etwas bedeutet, dass es ohne den sorgfältigen Umgang mit Begriffen kein richtiges Denken gibt, habe ich von ihm gelernt. Dass mir Lesen und Schreiben heute solchen Spaß machen (den Ausdruck "Spaß" würde er kritisiert haben, "Freude, Gaschke!", hätte er sicher verbessert), verdanke ich ihm.

Lernen musste man natürlich, deklinieren, konjugieren, welche Präposition mit welchem Fall, AcI, Ablativus absolutus, Gerundium, Gerundivum - das ganze Geflecht aus Regeln und Ausnahmen eben, das Ausdrucksvielfalt erst erlaubt.

Warum wurde das für Zehn-, Elf-, Zwölfjährige nicht langweilig? Weil es dem Lehrer selbst nie langweilig zu sein schien. Weil er die Schönheit, auch: die Durchschaubarkeit des Lateinischen zu zeigen verstand. Nicht zuletzt, weil es einen hohen Unterhaltungswert hatte, mit dem Lateinbuch (Roma) auf den Kopf geklopft zu werden, wenn man wieder einmal die Stammformen von ferre vergessen hatte.

Wulf Bahrenfuß besaß eine seltene, glückliche Autorität. Er war, was jeder gern sein will und nur wenige sind: authentisch. Mit den wilden Schülern von 68, vor denen sich viele seiner Kollegen fürchteten, hatte er nach aller Überlieferung nie Probleme. "Mao sagt ...", stand zu dieser Zeit häufig an der Tafel, und dann die politische Tageslosung. "Sokrates sagt ...", schrieb er ungerührt darunter. Und die Revolutionäre übersetzten.

Nie gab es in seinem Unterricht Disziplinschwierigkeiten, nie griff er zu unfairen Methoden - weder gegen Klassenkasper noch gegen pubertierende Hühner oder notorische Lateinversager. In jeder Stunde hatten wir etwas zu lachen. Für jedes ernsthafte Argument war er offen; Gejammer und (schlechte) Ausreden allerdings mochte er nicht. Genüsslich erzählte Bahrenfuß manchmal, wie er seine letzte legale Ohrfeige verabreicht hatte - an einen Sextaner, der ihm, gleichermaßen frech und halsbrecherisch, auf einem steilen (inzwischen längst gesicherten) Treppengeländer in der Pausenhalle der Schule entgegengerutscht kam. Ich vermute, eine Mehrheit von uns hätte sich auch in den aufgeklärten achtziger Jahren relativ gern von ihm ohrfeigen lassen.

Als Persönlichkeit war er so überzeugend, weil er eine Biografie hatte. Er hinkte von einer schweren Kriegsverletzung; sein Entschluss, in die Schule zu gehen, stand (für Sextaner weniger erkennbar als für Abiturienten) im Dienste des "Nie wieder!": Er wollte junge Menschen stark machen gegen Verblendung, Unvernunft, Verführbarkeit. Selbst denken sollten wir lernen, genau hinschauen, verstehen. Es klingt idealisierend, aber wenn je ein Mensch für mich die Begriffe "Aufklärung" und "Humanismus" verkörpert hat, dann dieser Lehrer.