Heuer: Auch krank sein wird wieder einmal teurer in Deutschland. Die gesetzlichen Krankenkassen haben gestern angekündigt, ihre Beiträge von heute durchschnittlich auf 14 Prozent, ab kommendem Jahr auf bis zu 14,5 Prozent des Bruttoeinkommens zu erhöhen. Das nennen die Kassen noch moderat. Damit die Beiträge nicht noch höher ausfallen, fordern sie von der Bundesgesundheitsministerin rasche Maßnahmen, mit denen die Kassen entlastet werden sollen. Genau die Maßnahmen, an die die Kassen dabei denken, würden allerdings die Ärzte teuer zu stehen kommen. Deshalb will ich jetzt mit dem Vorsitzenden der kassenärztlichen Bundesvereinigung, mit Manfred Richter-Reichhelm sprechen, guten Morgen.

Richter-Reichhelm: Guten Morgen, Frau Heuer.

Heuer: Wessen Kassen sind denn leerer, die der Krankenkassen oder die der Ärzte?

Richter-Reichhelm: Die der Krankenkassen sind schon sehr arg gebeutelt. Das kann niemand leugnen, aber die der Ärzte sind auch nicht voll. Wir haben vor einigen Monaten durch unser Zentralinstitut eine Analyse gemacht. Dabei haben wir festgestellt, dass ein Drittel aller Ärzte, egal welcher Fachgruppe, ein verfügbares Einkommen um die 3.000,00 DM haben. Das ist für einen solchen Beruf weiß Gott nicht viel.

Heuer: In dem Vorschaltgesetz, das den Kassen vorschwebt, soll zum Beispiel stehen, dass Ärzte, die zu viele oder zu teure Arzneimittel verschreiben, dafür finanziell haften sollen. Da gab es schon einmal. Ulla Schmidt hat das kassiert. Glauben Sie, dass die Kassen bei Frau Schmidt damit durchkommen?

Richter-Reichhelm: Nein, das glaube ich nicht. Im übrigen ist es ja nicht so, als wären die Ärzte nicht für die Verordnungen verantwortlich. Wir haben Richtgrößen. Wenn wir das Richtgrößenvolumen als einzelner Arzt überschreiten, müssen wir in eine Prüfung. Und wenn wir nicht nachweisen können, dass die Mehrausgaben medizinisch durch die Krankheit des Patienten begründet waren, müssen wir jetzt schon durch Regresse zahlen. In Berlin beispielsweise sind für das Jahr 1998 vier Millionen DM an Regressen durchgesetzt worden. Was die Krankenkassen jetzt wollen ist ein Automatismus, dass ohne Prüfung bei Überschreiten eines Arzneivolumens automatisch ein Regress eingeführt wird. Das hatten wir bereits mit dem Arzneibudget, das Frau Fischer seiner Zeit eingeführt hatte. Das war der Kollektivregress, das heißt, das Geld wurde automatisch von den Honoraren abgezogen. So war der Plan, aber er ist niemals realisiert worden. Wenn das jetzt wieder eingeführt würde, gebe es großen Streit. Dann brennt der Himmel. Ich glaube aber nicht, dass das Ministerium das machen wird.

Heuer: Ein anderer Punkt in dem Vorschaltgesetz ist der, dass die gesetzlichen Krankenkassen Mutterschafts- und Entbindungsgeld künftig nicht mehr bezahlen möchten. Sie sagen, das seien versicherungsfremde Leistungen, für die andere aufkommen sollen. Haben die Kassen in diesem Punkt recht?