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Ein bisschen gelangweilt, aber geduldig: Die deutsche EU-Kommissarin Michaele Schreyer schaut wie eine Lehrerin, die nun zum hundertsten Mal das kleine Einmaleins erklären muss. Frau Schreyer, wie teuer wird die Erweiterung der Europäischen Union? Sie hat diese Frage in den vergangenen Monaten oft beantwortet und weiß genau, welche Reaktion ihre Antwort ernten wird: Erstaunen. "Auf jeden Fall viel weniger, als die meisten Deutschen denken", sagt die Finanzexpertin also wieder einmal, lässt die Einleitung kurz wirken und fährt fort: "Selbst nach der Erweiterung wird Deutschland weniger für die Europäische Union bezahlen als noch in den 1990er Jahren." Und dann murmelt sie, nun doch ein wenig ungeduldig: In Deutschland werde die Erweiterung unbewusst mit der Wiedervereinigung verglichen, und folglich grause es den meisten Bürgern vor Riesensummen. Doch das sei "einfach falsch".

Europa und das liebe Geld. Nicht nur Kommissarin Schreyer, auch die meisten Ökonomen wiederholen seit Monaten gebetsmühlenartig, wie wenig die Erweiterung der Europäischen Union um zehn weitere Staaten den Steuerzahler koste, wie Verbraucher und Unternehmen langfristig vom größeren Markt profitieren. Sie belegen mit Zahlen, wie sich die Kandidatenländer dem wirtschaftlichen Niveau der Union nähern.

Allein, es fehlt der Glaube. In Deutschland befürworten bloß noch 43 Prozent der Bürger die Erweiterung. Auch in anderen Ländern würde nur jeder Zweite für die Aufnahme weiterer Staaten stimmen, das positive Referendum in Irland ist eher die Ausnahme als die Regel. Mag Europa die frühere Trennung durch den Ost-West-Konflikt heute ökonomisch noch so gut überwinden: Politisch hakt es.

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Das Problem dabei: Die Zeit läuft. Spätestens im Dezember auf dem Gipfel in Kopenhagen soll der Handel mit den Kandidatenländern beendet sein, damit im Frühjahr endlich die Verträge unterschrieben werden können.

Auch in dieser Woche streiten Schröder, Chirac und Co. in Brüssel wieder über Geben und Nehmen. Die einen möchten die Erweiterung mit den vorhandenen Mitteln stemmen und bei der Gelegenheit gleich das System reformieren. Die anderen würden lieber mehr ausgeben. Aber im Zweifel wollen alle am liebsten den Kandidaten noch ein Weilchen den Zugriff zu den Geldtöpfen verweigern. "Wir haben die Zeit der donnernden Reden über Europas Mission hinter uns gelassen und sind nun beim Kleingedruckten angelangt. Das auszuhandeln dauert", sagt der Europa-Experte Werner Weidenfeld.

Je nach Interessenlage wird dann das ganze Projekt billig oder teuer gerechnet. Der deutsche Finanzminister Hans Eichel etwa redet gern von vierzig Milliarden Euro Kosten für die ersten drei Jahre, verbucht davon zehn Milliarden für Deutschland und findet das viel zu viel. Und Kanzler Gerhard Schröder assistiert: "Die Grenze der finanziellen Belastbarkeit ist erreicht." Nach dem Entwurf der Kommission dagegen fließen in diesem Zeitraum netto nur etwa acht Milliarden Euro von den 15 alten in die 10 neuen Mitgliedsstaaten. Davon müsste Deutschland zwei Milliarden Euro bezahlen. Zum Vergleich: Nach Ostdeutschland flossen allein in den neunziger Jahren mehr als 600 Milliarden Euro.

Wer richtig rechnet? Wie immer in Europa ist auch das eine Frage der Perspektive. So argumentieren die Berliner Finanzprofis mit Verpflichtungen - und verschweigen klug die Rückzahlungen, die Deutschland aus den europäischen Töpfen erhält. Die Brüsseler hingegen arbeiten mit Nettosummen - schätzen also, was am Ende wirklich übrig bleibt. Wohlgemerkt: Sie schätzen.

Einer Behauptung stimmen die meisten Finanzfachleute zu: Die Erweiterung wird den Steuerzahler in keinem europäischen Land ruinieren. Dafür sorgt eine feste Obergrenze: Mehr als 1,27 Prozent des Sozialproduktes darf Brüssel von keinem Land einfordern. 1,09 Prozent zahlt Deutschland zurzeit; zieht man davon die Rückflüsse an die Bundeskassen ab, muss Finanzminister Eichel netto 0,34 Prozent des deutschen Sozialproduktes an die Kommission überweisen, also knapp sieben Milliarden Euro.

Solche Rechenspielchen ließen sich endlos fortsetzen. Denn auch die Vertreter der Kandidatenländer reden inzwischen in Brüssel gern mit. "Wenn die jetzigen Vorschläge der Kommission umgesetzt werden, würde Polen im nächsten Jahr mehr in den EU-Agrartopf einzahlen als herausbekommen", klagt der polnische Außenminister W¬odzimierz Cimoszewicz. Er steht mit seiner Kritik nicht allein. "Sie dürfen in den Club, Mitgliedsbeiträge bezahlen, die Regeln beachten - aber das Schwimmbad nicht benutzen", kommentierte die International Herald Tribune.

Soll man die neuen Gäste also gleich in den Pool bitten - auch wenn dann alle auf dem Trockenen sitzen? Kann man einfach den Pegel erhöhen, auch wenn das Wasser längst zu teuer ist? Oder lässt man sie nur die Füße nässen und renoviert derweil das Bad?

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Letzteres schwebt wohl der Bundesregierung vor. Sie begründet ihre Furcht vor der Erweiterung auch mit den Folgen in ferner Zukunft: Wenn die Union 25 gleichberechtigte Mitglieder habe, sei ihre teure Politik nicht mehr zu machen. Nutzen wir die Gunst der Stunde, lautet die Berliner Devise, und verbinden die Erweiterung mit einer Reform. Schließlich wird das später, wenn die polnische Bauernlobby mitzureden hat, nicht einfacher.

"Natürlich ist es richtig, Reformen zu fordern", sagt Christian Weise vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. "Fragen Sie sich doch mal, ob es eigentlich die wichtigste Aufgabe Europas sein sollte, Geld über die Bauern zu schütten." Längst haben dies nicht nur Wirtschaftswissenschaftlern mit Nein beantwortet. Könnten sie bei null anfangen, würden wohl auch die Regierungschefs Europas Vertretung heute nicht so konzipieren wie die EU. Kein Wähler würde erlauben, fast die Hälfte des gemeinsamen Haushaltes für Subventionen an die Landwirtschaft zu verplanen und ein weiteres Drittel für eine Strukturpolitik, die nach fragwürdigen Kriterien Geld in schwache Regionen pumpt. Ginge es nach dem Willen der europäischen Bürger, so sagen alle Umfragen, würde eher die gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik gewinnen. Dafür stehen heute gerade sieben Prozent des Haushaltes zur Verfügung.

Doch Subventionen machen süchtig. Und so kämpft in Brüssel eine starke Lobby mit allen Mitteln für den Status quo. Nicht zufällig führt Frankreichs Präsident Jacques Chirac, der einst im Pariser Agrarministerium die Milchquoten erfand, die Gegner der Landwirtschaftsreform an: Sein Land kassiert jährlich ein Viertel der Agrarbeihilfen. Chirac wehrt sich gegen alle deutschen Versuche, vor der Erweiterung die Direktbeihilfen an die Bauern zu senken oder gar zu renationalisieren. Lieber zieht er in Osteuropa die nächste Generation von Subventionsempfängern und damit potenzielle Verbündete heran.

Auch die Spanier, Griechen und Portugiesen profitieren vom europäischen Umverteilungssystem, nicht nur in der Agrarpolitik. Spanien erhält mehr aus der gemeinsamen Kasse, als Deutschland einzahlt: 7,7 Milliarden Euro. Griechenland bekommt 4,5 Milliarden und Portugal immerhin noch 1,8 Milliarden Euro. José Herce von der Complutense-Universität in Madrid weiß, wo das Geld hinfließt: "Im Moment werden in Spanien noch zehn arme Regionen aus dem Strukturfonds unterstützt." Nach der Osterweiterung, sagt der Ökonom, "werden es nur noch drei sein: Andalusien, Extremadura und Galicien".

Doch die Iberer fürchten nicht allein den Verlust von Fördergeldern. Mehr als zwei Prozent Wachstum, schätzt Herce, kann sein Land der EU-Beitritt der Ost-Konkurrenz kosten. Denn auch im Wettbewerb um Direktinvestitionen und Handelspartner werde die spanische Wirtschaft künftig häufiger den Kürzeren ziehen. Bestes Beispiel sei die Verlagerung der Produktion durch VW von Katalonien in die Slowakei. José Herce: "Spanien wird leiden."

Nicht alle Wirtschaftsexperten sind so pessimistisch. Daniel Gros, Chef des Brüsseler Centre for European Policy Studies, kommt in einer ähnlichen Studie für Portugal zu viel positiveren Ergebnissen - vorausgesetzt, die Südländer ruhen sich nicht in der Nische der Billigproduzenten aus. Immerhin: Portugal, einst das Armenhaus Europas, exportiert heute Kapital und importiert Arbeitskräfte. Im Osten wird das Land inzwischen als EU-Erfolgsmodell gehandelt. Sollte sich die Geschichte wiederholen, und wenig spricht dagegen, dann werden auch die neuen EU-Mitglieder dem Vorbild folgen.

Wie positiv schon die Chance eines Beitrittes wirkt, beweist eine Langzeituntersuchung der Deutschen Bank: Allein die Hoffnung habe bei den Osteuropäern einen enormen Reformprozess in Gang gesetzt. Sie privatisierten ihr Bankensystem, bauten staatliche Beihilfen ab, reformierten Steuer- und Sozialversicherungssysteme. Die Spitzenreiter Slowenien, Tschechien und Ungarn werden Ende kommenden Jahres so fit sein wie Spanien und Portugal beim EU-Beitritt.

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Auch unter den alten Mitgliedsländern wird es Erweiterungsgewinner geben. "Je höher die Handelsverflechtung mit den Beitrittsländern ist, umso höher fällt auch der Wohlfahrtsgewinn aus. Vor allem profitieren Deutschland und Österreich", heißt es beim Bundeswirtschaftsministerium. Schon jetzt ist das zu sehen: Die Bundesrepublik investiert bereits heute mehr als jeder andere europäische Staat in Osteuropa; die Exporte steigen; alles in allem sichert das mehr als 100 000 heimische Arbeitsplätze.

Die Liste der ökonomischen Vorteile ließe sich beliebig verlängern - Christian Keuschnigg von der Universität Sankt Gallen rechnet sogar mit einem Wachstumsschub, "der die Finanzierung der Osterweiterung neutralisiert". Seine Wirkungskette ist einfach: Mehr Handel und Investitionen ergeben mehr Wachstum, das schafft mehr Steuereinnahmen und erlaubt mehr Ausgaben - und dann ist auch mehr Geld für die EU da. Selbst die Furcht der Gewerkschaften, nun der Billigkonkurrenz und den Arbeitsmigranten ausgeliefert zu sein, lässt sich nicht untermauern: Heute arbeiten mehr Deutsche in Tschechien als umgekehrt. Und Übergangsbestimmungen dürften dem massenhaften Umzug von Osteuropäern in den Westen einen Riegel vorschieben.

Die EU-Kommission schätzt, dass langfristig höchstens ein Prozent der Einwohner der neuen Mitgliedsländer ihre Heimat verlassen wird. Auch nach dem Beitritt Spaniens und Portugals hielt sich die Zahl der Umzugswagen, die von Granada oder der Algarve ins Ruhrgebiet fuhren, in Grenzen. Je mehr sich die armen Länder auf das Niveau der reichen Nachbarn hocharbeiteten, desto eher blieben die Leute zu Hause.

Fakten aber spielen beim Ränkespiel der Brüsseler Diplomaten keine Rolle. Schon warnt der Botschafter eines kleinen Mitgliedslandes: "Jeder weiß, dass Deutschland ökonomisch und politisch durch die Erweiterung gewinnen wird. Deshalb spielt die Bundesregierung ein riskantes Spiel, wenn sie das historische Projekt an einer verhinderten Agrarreform und ein paar Milliarden Mehrausgaben scheitern lassen würde."

Doch Brüssel wäre nicht Brüssel, kursierten in den Büros rund um den Schumann-Platz im Euroviertel nicht längst Lösungen. Insider spekulieren auf einen Vertragsentwurf, der die Vorschläge der Kommission ein wenig variiert und hier und da ein bisschen spart. Was bliebe, wäre der langsame Zugang der neuen Länder zu den Wohltaten des alten EU-Systems: So sollen deren Bauern zunächst nur ein Viertel der Direktbeihilfen bekommen, und auch der Geldsegen aus den Strukturfonds wird anfangs begrenzt. Gleichzeitig sorgen Pauschalzahlungen dafür, dass die neuen Mitglieder nicht mehr einzahlen, als sie aus dem EU-Topf bekommen. Verzichtet Deutschland zudem auf den sofortigen Umbau der Landwirtschaftspolitik und genehmigt Frankreich dafür von 2007 an den sanften Einstieg in den Ausstieg, könnte das Hickhack um die Erweiterung bald Geschichte sein.

"Schon jährlich drei Prozent Abbau der Direktbeihilfen in der Landwirtschaft könnten das System reformieren und gleichzeitig die langsame Integration der Bauern aus den neuen Mitgliedsländern in das EU-System finanzieren", sagt Kommissarin Schreyer. Und sie ist nicht die Einzige, die auf eine baldige Lösung hofft.

Nachdem er lange über Kosten und Nutzen gesprochen hat, erinnert der polnische Präsident Aleksander KwaŽniewski vorsichtig an das, was viele seiner Kollegen im Osten fühlen: "Europa wird viel zu oft auf lästige Verfahrensfragen reduziert. Dabei geht es doch um mehr als Milchquoten. Wenn wir die europäische Flagge hochziehen können, erfüllt sich für uns ein Traum, der uns 1945 gestohlen wurde."

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